Ärztin gibt Hoffnung

Jeder Haarausfall ist "heilbar", nur die Zeit ist der Hund

Eine deutsche Dermatologin macht Männern und Frauen Hoffnung. Gegen Haarausfall kann tatsächlich jede(r) etwas tun. Was, das beschreibt Natalie Garcia Bartels in ihrem neuen Buch. Und sie räumt auch mit ein paar Mythen auf.

Bei 80 Prozent aller Männer, für die die Diagnose genetisch bedingter Haarausfall zutrifft, kommt es früher oder später zur Glatzenbildung (und ja, auf dem Foto ist ein Hund zu sehen)
Bei 80 Prozent aller Männer, für die die Diagnose genetisch bedingter Haarausfall zutrifft, kommt es früher oder später zur Glatzenbildung (und ja, auf dem Foto ist ein Hund zu sehen)
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Martin Kubesch
Akt. Uhr
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Wir Österreicher putzen uns gerne heraus. Outfit, Styling, die bella figura überlassen wir nicht einfach so unseren südlichen Nachbarn am Apennin. Und dazu gehört auch exakt gestyltes Haupthaar. Ein scharfer Schnitt oder eine perfekte Welle runden jeden Auftritt ab.

Der schöne Schopf darf ruhig etwas kosten Wie wichtig die Österreicher ihre Haarpracht nehmen und wie viel sie ihnen – auch materiell – wert ist, lässt sich aus den aktuellen Branchen-Kennzahlen gut herauslesen.

Die Zahl der gemeldeten Friseure in Österreich nahm in den letzten 15 Jahren um 2.800 Menschen zu
Die Zahl der gemeldeten Friseure in Österreich nahm in den letzten 15 Jahren um 2.800 Menschen zu
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Österreich hat die Haare schön

  • Insgesamt 320 Millionen Euro gaben die Österreicher 2024 für Haarpflegeprodukte aus, um 40 Millionen mehr als noch 2018
  • Pro Person kommt man so auf Investitionen von 47 Euro pro Kopf (im wahrsten Sinne) und Jahr für Shampoos, Spülungen, Gels etc.
  • Pro Jahr geht der durchschnittliche Österreicher 5 mal zum Friseur und
  • ... gibt dabei 50 Euro pro Besuch aus
  • ... wobei Frauen im Schnitt 3 mal so viel Geld pro Besuch beim Haarabschneider ihres Vertrauens lassen
  • Die wichtigsten Dienstleistungen beim Friseur sind nach wie vor die "Klassiker" Schneiden, Waschen und Fönen
  • Die Zahl der aktiven Mitglieder in der Fachgruppe der Friseure bei der Wirtschaftskammer Österreich stiegt von 7.084 im Jahr 2010 auf 9.873 im Jahr 2023
  • ,,, mit anderen Worten: Immer mehr Menschen in Österreich entscheiden sich für eine Karriere als Friseur. Und das würden sie nicht tun, wenn es eine brotlose Kunst wäre
  • ... heißt im Umkehrschluss: Mit der Pflege der Haarpracht lässt sich gutes Geld verdienen.
Sicheres Zeichen dafür, dass sich was tut, am Kopf: Die Geheimratsecken werden größer
Sicheres Zeichen dafür, dass sich was tut, am Kopf: Die Geheimratsecken werden größer
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Kampelt und G'schneuzt Man merkt schon: Wenn es um unseren Skalp geht, verstehen wir Österreicher keinen Spaß. Unser Haupthaar nehmen wir ernst – und das umso mehr, wenn es irgendwann nicht (mehr) so sprießt, wie es eigentlich sollte. Dann ist Feuer am Dach – und das nicht nur im übertragenen Sinn. Denn Haarausfall ist der Erzfeind eines gepflegten Äußeren.

Die gute Nachricht: Es ist gegen so gut wie jede Form von Haarausfall ein Kraut gewachsen. Auch wenn es nicht zwangsläufig aus dem Labor von Mutter Natur stammt, sondern eher aus der modernen Forschung.

Ehe man selbst irgendwelche Tinkturen anwendet, sollte ein Arzt die Ursachen es Haarausfalls abklären
Ehe man selbst irgendwelche Tinkturen anwendet, sollte ein Arzt die Ursachen es Haarausfalls abklären
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Die schlechte Nachricht: Man muss schon genau wissen, weshalb konkret die Lockenpracht schütterer wird. Sonst greift man möglicherweise zum falschen Pfeil im Köcher. Und: Man muss mit der Behandlung von Haarausfall möglichst rasch beginnen, will man den Geist so weit wie möglich wieder zurück in die Flasche bekommen.

Deutschlands Haar-Expertin Nummer 1 Wie die Suche nach der Ursache von Haarausfall konkret abläuft, welche Therapien wann den größten Erfolg versprechen und weshalb wir überhaupt so viel Brimborium um diese paar Zentimeter abgestorbenes Horngewebe machen, weiß kaum wer besser als die Dermatologin Natalie Garcia Bartels. Die in Berlin praktizierende Hautärztin ist Spezialistin für krankhaften Haarausfall, von der Ursachenforschung bis zur Therapie, und gilt als Haar-Expertin Nummer 1 in Deutschland.

Kennt sich aus in Sachen Haupthaar: Dermatologin und Buchautorin Natalie Garcia Bartels
Kennt sich aus in Sachen Haupthaar: Dermatologin und Buchautorin Natalie Garcia Bartels
Debora Mittelstaedt

Haariger Bestseller Ihr Wissen um unsere Körperbehaarung hat Natalie Garcia Bartels nun in einem Fachbuch zusammengefasst: "Alles, was Sie schon immer wissen wollten über Haupt und Haar, aber sich nie zu fragen trauten" ist vor wenigen Tagen im Gutkind Verlag erschienen, kostet 21,50 Euro und beantwortet tatsächlich nahezu alle Fragen, die Nicht-Medizinern zum Thema Haare so einfallen könnten. Was man über Haarausfall wissen muss und wie man diesem am besten begegnet – hier die wichtigsten Antworten:

Leidet jeder Mensch irgendwann unter Haarausfall?
Nein, aber mit zunehmendem Alter leiden immer mehr Menschen darunter. Die häufigste Form von Haarausfall, nämlich der genetisch vorbestimmte, trifft etwa 80 Prozent aller Männer, die die Anlagen dafür in sich tragen, und zwischen 30 und 50 Prozent der Frauen.

Gibt es einen bestimmten Zeitpunkt, wenn genetisch bedingter Haarausfall einsetzt?
Nein, das ist vollkommen unterschiedlich. Es gibt junge Männer, denen bereits Anfang 20 die Haare ausgehen, und bei anderen beginnt das erst in den 50ern oder 60ern. Bei Frauen ist die Menopause häufig ein Game Changer, der erblich bedingten Haarausfall auslöst oder beschleunigt, weil der schützende Hormonspiegel absinkt.

Bei Frauen zeigt sich genetisch bedingter Haarausfall meist etwas subtiler als bei Männern. Deutlichstes Zeichen: Dass der Mittelscheitel immer breiter wird
Bei Frauen zeigt sich genetisch bedingter Haarausfall meist etwas subtiler als bei Männern. Deutlichstes Zeichen: Dass der Mittelscheitel immer breiter wird
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Wie viele Formen von Haarausfall gibt es eigentlich?
Neben dem genetisch bedingten Haarausfall kann es auch durch den Mangel an Nährstoffen zu Haarausfall kommen. Auch Hormonstörungen, chronische Entzündungen, Diäten, Schilddrüsenerkrankungen oder Medikamenten-Nebenwirkungen können Haarausfall auslösen. Und auch medizinische Eingriffe, schwere Infektionen oder psychischer Stress können dafür verantwortlich sein.

Wie unterscheiden sich diese Formen äußerlich?
In der Art, wo wie viele Haare ausfallen. Da gibt es ganz unterschiedliche Symptome. Bei genetisch bedingtem Haarausfall bleiben die Haare etwa am Hinterkopf so gut wie immer stehen, während sie bei Männern vorne seitlich (Geheimratsecken) und oben (Halbglatze) ausfallen. Bei Frauen wiederum lichtet sich das Haar seitlich an den Schläfen sowie in der Mitte der Stirn. Der Mittelscheitel wird breiter.

Welche anderen Formen gibt es noch?
Etwa den sogenannten Kreisrunden Haarausfall, dabei liegt fast immer eine Attacke des Immunsystems auf den Haarwuchs zugrunde. Bei diffusem Haarausfall verschwinden die Haare ohne erkennbares Muster kreuz und quer über den Kopf, es bilden sich kahle Stellen und sieht aus, als wäre man unter eine Säuredusche geraten, die die Haare nur an einigen Stellen weggeätzt hat. Das Gute dabei: Diese Form des Haarausfalls kann auf Nährstoffmängel oder andere körperliche Erkrankungen hindeuten, etwa ein Schilddrüsenproblem. Sobald der Mangel behoben oder die Erkrankung erkannt und kuriert ist, wachsen die Haare wieder nach.

Bei 30 bis 50 Prozent aller Frauen, die unter genetisch bedingtem Haarausfall leiden, bricht dieser auch aus
Bei 30 bis 50 Prozent aller Frauen, die unter genetisch bedingtem Haarausfall leiden, bricht dieser auch aus
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Wie erkennt ein Arzt, welche Form von Haarausfall vorliegt?
Durch eine genaue Anamnese, also das detaillierte Erfragen von Lebensumständen, Änderungen in diversen Routinen oder sonstigen Auffälligkeiten. Und in vielen Fällen kann auch ein Bluttest Aufschluss darüber geben, welche Form von Erkrankung vorliegt.

Können auch verschiedene Ursachen gleichzeitig verantwortlich für den Haarausfall sein?
Ja, das passiert sogar recht häufig. Es gibt zahlreiche Mischformen von Haarausfall, bei denen verschiedene Auslöser zusammenwirken. Entsprechend wichtig ist eine genaue Ursachenabklärung durch einen Arzt, ehe man sich auf eine Therapie festlegt.

Welche Therapien werden eingesetzt?
Das kommt eben ganz auf die Ursache(n) an, die für den Haarausfall verantwortlich sind. Bei Mangelerscheinungen werden die Stoffe, von denen zu wenig im Körper ist, substituiert. Liegen andere Erkrankungen oder schädigende Einflüsse vor, dann müssen diese behandelt bzw. abgestellt werden. Mit speziellen Medikamenten wird eigentlich nur beim genetisch bedingten Haarausfall behandelt.

Und was kommt da zum Einsatz?
Einerseits ein Medikament namens Minoxidil, das in Form von Haarwasser aufgetragen wird und die Durchblutung fördert. Es muss allerdings dauerhaft gegeben werden. Damit kann der Haarausfall gestoppt, manchmal auch das Nachwachsen der Haare angeregt werden. Das zweite Medikament heißt Finasterid. Es wird nur Männern verschrieben und bremst die übermäßige Produktion von Hormonen an den Haarwurzeln, die für den erblich bedingten Haarausfall verantwortlich gemacht werden. Allerdings hat dieses Medikament erhebliche Nebenwirkungen.

Die da wären?
Libidoverlust, erektile Dysfunktion und Depressionen. Diese Nebenwirkungen treten zwar nicht häufig auf, aber es kommt vor.

Depressionen, Libidoverlust und Erektile Dysfunktion sind mögliche Nebenwirkungen mancher Medikamente gegen Haarausfall
Depressionen, Libidoverlust und Erektile Dysfunktion sind mögliche Nebenwirkungen mancher Medikamente gegen Haarausfall
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Hat das damit zu tun, dass man bei erblich bedingtem Haarausfall ein Übermaß an Testosteron im Körper hat?
Dass dem so ist, ist ein Mythos, der nichts mit der Realität zu tun hat. Tatsache ist, dass bei dieser Form des Haarausfalls die Haarfollikel, also jene Strukturen in der Haut, die die Haare bilden, empfindlich auf das Hormon Testosteron reagieren und bei Kontakt den Haarausfall einleiten. das ist bei Männern wie Frauen das selbe Prinzip, unabhängig vom Geschlecht und hat nichts mit der Testosteron-Menge zu tun, die sich im Körper befindet.

Es heißt auch, wenn man sich die Haare öfter abrasiert, dann wachsen sie stärker nach?
Das noch so ein Mythos, der nicht einmal ein Fünkchen Wahrheit beinhaltet. Haare sind im Grunde tote Hornfäden, die aus den Follikeln in der Haut herauswachsen. Diese Follikel lassen sich aber nicht durch Schneiden oder Rasieren stimulieren, so Natalie Garcia Bartels.

Weshalb werden Haare dünner, wenn man älter wird?
Weil einerseits die Follikel in der Haut mit zunehmendem Alter schrumpfen und dadurch die von ihnen produzierten Haare feiner und dünner werden. Und weil die Haare mit fortschreitendem Alter früher ausfallen und gar nicht mehr bis zu ihrem vollen Umfang heranwachsen können, ehe sie wieder ausfallen.

Injektionstherapie gegen Haarausfall
Injektionstherapie gegen Haarausfall
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Kann man seine Haare "nähren"?
Nein, denn Haare leben nicht, sondern sind biologisch gesehen tote Materie, weshalb sie auch keine Nährstoffe mehr aufnehmen können. Was aber geht ist, die Haare mit diversen Schutzfilmen vor äußeren Einflüssen zu bewahren. Das hält aber immer nur so lange, wie der Schutzfilm darauf haftet, also längstens bis zur nächsten Haarwäsche.

Was ist von Koffeingaben für die Haare zu halten?
Diese Substituierung findet Natalie Garcia Bartels grundsätzlich vielversprechend, da Koffein in die Haarfollikel eindringen kann. Allerdings, so die Einschränkung, sei es noch nicht hinreichend wissenschaftlich bewiesen, dass das auch tatsächlich einen Effekt auf das Haarwachstum und / oder die Kräftigkeit der Haare hat.

Bei Haartransplantationen werden Haare vom Hinterkopf, die nicht vom genetisch bedingten Haarausfall betroffen sind, auf die kahlen Stellen weiter vorne verpflanzt
Bei Haartransplantationen werden Haare vom Hinterkopf, die nicht vom genetisch bedingten Haarausfall betroffen sind, auf die kahlen Stellen weiter vorne verpflanzt
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Und Haartransplantationen?
Diese haben nur bei erblich bedingtem Haarausfall Sinn, weil dieser ja im besten Fall aufhaltbar, aber nicht umkehrbar ist. Dabei werden Haare vom Hinterkopf, wo der genetisch vorprogrammierte Haarausfall nicht stattfindet, auf die gelichteten Stellen transplantiert. Dadurch wird eine optische Verbesserung des Zustands erreicht, aber der Ausfalls-Prozess nicht verzögert oder verhindert.

Weshalb sind uns unsere Haare eigentlich so wichtig?
Weil sie symbolhaft für Vitalität und Kraft stehen. Bei Männern gilt ein starker Haarwuchs zudem als Zeichen von Virilität, bei Frauen stehen lange, wallende Haarmähnen für Weiblichkeit und Fruchtbarkeit. Während es aber bei Männern toleriert wird, wenn sie kaum oder keinen Haarwuchs mehr haben, ist es für Frauen gefühlt nach wie vor ein Makel, wenn sie keine kräftigen Haare mehr oder vielleicht sogar kahle Stellen am Kopf haben.

Bei Frauen werden wallende, lange Haare mit Weiblichkeit schlechthin gleichgesezt
Bei Frauen werden wallende, lange Haare mit Weiblichkeit schlechthin gleichgesezt
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Heißt das, Frauen leiden mehr unter Haarausfall als Männer?
Quantitativ nein, aber psychologisch auf jeden Fall. Entsprechend haben Frauen über die Jahrhunderte zahlreiche Strategien entwickelt, um einen spärlichen Haarwuchs zu kaschieren und davon abzulenken.

Also was soll man jetzt tun, wenn man bemerkt, dass einem die Haare ausfallen?
Auf keinen Fall zu lange damit warten, einen Arzt aufzusuchen, um die Ursache dafür herauszufinden. Denn einerseits kann gegen so gut wie jede Form von Haarausfall etwas getan werden. Und andererseits könnte Haarausfall auch auf andere schwerwiegende Probleme oder Erkrankungen hindeuten. Das gilt es abzuklären. Und dann kann mit einer Behandlung der Ursachen begonnen werden.

Was kann jeder tun, um seine Haare gesund und kraftvoll zu halten?
Gesunde Haare in einem gesunden Körper. Je ausgeglichener der Körper ist, desto kräftiger und langlebiger sind auch die Haare, die dieser Körper hervorbringt. Andererseits ist jede Form von physischem Stress für die Haare schädlich. Also sind Sonneneinstrahlung, Hitze, färben und blondieren oder sonstige Belastungen so weit wie möglich zu vermeiden, um das Haar zu schonen.

"Alles, was Sie schon immer wissen wollten über Haupt und Haar, aber sich nie zu fragen trauten" von Natalie Garcia Bartels, Gutkind Verlag, 21,50 Euro
"Alles, was Sie schon immer wissen wollten über Haupt und Haar, aber sich nie zu fragen trauten" von Natalie Garcia Bartels, Gutkind Verlag, 21,50 Euro
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