Eugen Freund

Besuch in Trumpsylvania: Wie ich das aktuelle Amerika erlebte

Eugen Freund lebte 11 Jahre in den USA. Jetzt kehrte er in das von Donald Trump regierte Land zurück. Was anders war. Wie es Menschen geht, die in der Nacht per Mail gefeuert werden. Und George Clooney als versöhnlicher Ausklang.

Rückkehr an die alte Wirkungsstätte. Eugen Freund war lange Jahre ORF-Korrespondent in den USA
Rückkehr an die alte Wirkungsstätte. Eugen Freund war lange Jahre ORF-Korrespondent in den USA
Eugen Freund
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New York. Vor sechs Jahren war ich das letzte Mal hier. Das ist die längste Zeitspanne seit fast einem halben Jahrhundert. Eigentlich wollte ich unter Trump gar nicht in die USA reisen. Doch ein Buchprojekt ließ sich nicht anders verwirklichen.

Ich hatte nämlich Sorge, das war noch wenige Tage bevor einschlägige Artikel über verhaftete Touristen erschienen. Dass man meinen Computer durchsuchen würde und dann auf die weniger schmeichelhaften Artikel stößt, die ich in den vergangenen Monaten für "Newsflix" über die USA geschrieben habe. Würde man mich festnehmen oder ins nächste Flugzeug auf die Heimreise schicken?

Ich hatte keine Lust, mich mit den Immigrations-Beamten anzulegen. Doch alles verlief reibungslos.

Seit 1978 komme ich regelmäßig in die Metropole der Medien, der Wolkenkratzer, der Kultur, des Reichtums, der Armut. Von 1979 bis 1984 wohnte ich hier. Diesmal habe ich Zeit, mich wie ein Tourist durch die Stadt zu bewegen. Zuletzt, als EU-Abgeordneter, bin ich von einem Termin zum anderen gehetzt, es blieb keine Zeit, die Stadt in mich aufzusaugen.

Wir kommen spät am Abend an, für uns (ich reise mit meiner erwachsenen Tochter) ist es 4 Uhr früh. Doch wenigstens ein kurzer Spaziergang um den Block, wo wir wohnen, muss sich ausgehen.

Eugen Freund 2007 mit Hollywood-Legende Jane Fonda
Eugen Freund 2007 mit Hollywood-Legende Jane Fonda
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Zeitungen sind verschwunden

Als ich hier in Manhattan wohnte, war vieles anders: "Jaywalking", also bei Rot über die Kreuzung, kein Problem. Damals gab es aber kaum Fahrräder, jetzt brausen sie dir – hauptsächlich Lieferdienste - auf eigenen Spuren links und rechts um die Ohren. Ok, sie geben acht, aber im Lärm des normalen Straßenverkehrs sind sie kaum hörbar.

Die Zahl der Obdachlosen ist wieder gestiegen: in den 1980er-Jahren waren sie an jeder Straßenecke, dann machte Rudi Giuliani, der damalige Bürgermeister, radikal Schluss. Er schob sie in psychiatrische Anstalten, meist in Bezirke außerhalb Manhattans ab. Mittlerweile sind sie wieder unübersehbar, mehr denn je, junge Frauen, meist Latinas, mit ihren Babys am Schoß.

Was mir noch auffällt, nicht in der ersten Nacht, aber am dritten Tag: ich habe noch keine New York Times gekauft. Zuvor gab es kein Frühstück ohne Zeitung. Die Routine war immer die gleiche: raus aus dem Hotel, zum Zeitungsstand, NYT gekauft, in den nächsten Bagel-Shop, wässrigen Kaffee mit Milch bestellt, Orangensaft, getoasteten Bagel mit Cream-Cheese, einen Platz am Fenster, gefrühstückt und Zeitung gelesen.

Diesmal: die papierene Ausgabe wird nicht verkauft.

Blechbuden am Gehsteig gibt es noch immer, aber sie verkaufen keine Zeitungen und Magazine mehr
Blechbuden am Gehsteig gibt es noch immer, aber sie verkaufen keine Zeitungen und Magazine mehr
Eugen Freund

Zwar gibt es immer noch überall die Blechbuden am Gehsteig, aber sie verkaufen nur noch Getränke, Süßwaren, vielleicht Brezel (Pretzel, wie sie in den USA heißen), Hot Dogs, Pommes, gelegentlich Lotto-Scheine, doch kein TIME Magazin, keinen New Yorker und keine Tageszeitungen. Wir bekommen die News ohnehin über das Internet und dennoch, das "Papier" geht mir ab.

Apropos "gehen": schon am ersten Tag machen wir gut 20.000 Schritte, einen Großteil davon auf der "High-line". Eine faszinierende Einrichtung, alte Eisenbahnstrecken, die meist im ersten Stock zu Spazierwegen umgebaut wurden, breit genug, dass auch Platz für Gras und Blumen und Sträucher bleibt. Die einzigen Schaufenster, die sonst auf ebener Erde zum Shoppen verlocken, sind hier Büroräume oder Wohnungen, in die man hineinblicken kann.

Als Papierausgabe ist die New York Times aus dem Straßenbild verschwunden
Als Papierausgabe ist die New York Times aus dem Straßenbild verschwunden
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Freunde sind über Trump entsetzt

Wir treffen Richard und Wendy, alte Freunde aus meinen früheren New York-Tagen. Sie sind entsetzt über Trumps erratische Politik. "Man weiß heute nicht, was morgen kommt, und oft weiß man sogar nicht, was in zwei Stunden passieren wird", schüttelt Richard verständnislos den Kopf.

Wendy ergänzt: "Ich überlege mir, ob ich wieder einmal nach Europa fliegen werde. Wie werden wir Amerikaner mit DIESEM Präsidenten aufgenommen werden?" Ich beruhige Wendy.

Umgekehrt scheint es freilich schlimmer zu werden. Eine Untersuchung von Tourism Economics hat erhoben, dass heuer um 9 Prozent mehr Touristen kommen würden. Jetzt hat das Institut die Zahlen berichtigt: nach letzten Erhebungen werden in diesem Jahr um 5 Prozent weniger Urlauber in den USA erwartet, das bedeutet eine Einbuße von immerhin 18 Milliarden Dollar.

Vor allem viele Kanadier pfeifen jetzt auf ihren Urlaub in Florida, nachdem Trump angedeutet hat, er würde sich am liebsten Kanada einverleiben. Vorerst gibt er sich mit Zöllen von 25 Prozent auf Autos zufrieden.

Joe Biden ließ viel Geld in die Reparatur der kaputten Infrastruktur stecken
Joe Biden ließ viel Geld in die Reparatur der kaputten Infrastruktur stecken
Eugen Freund

Mit dem Zug in die Hauptstadt

Mit dem Amtrak (einer der privaten Eisenbahnbetreiber) nach Washington. Unterwegs, wie schon vor 25 und vor 40 Jahren: viel Abfall neben den Schienen, Trailerparks, verfallene Häuser und immer wieder Blechhaufen. Irgendjemand stellt seinen alten Straßenkreuzer zum weiteren Verrosten ab, der zieht andere an, und bald stehen dutzende Schrottautos neben den Schienen.

Und doch: es wird an der Schienen-Infrastruktur gearbeitet, neue Bahnbrücken werden errichtet (ein Programm, in das der vorige Präsident Joe Biden viel Geld hat fließen lassen) und es gibt auch neu errichtete Wohnsiedlungen, mit Kleingärten und neuen SUVs vor den Häusern.

Die alte Wohngegend in Bethesda, einem Vorort der Hauptstadt Washington, in der ich die Zeit von 1995 bis 2001 verbrachte, sieht genauso aus, wie ich sie vor 25 Jahren verlassen habe: saubere, nicht übertrieben große Gebäude, das eine oder andere schmücken ein paar faux-griechische Säulen, ganz selten sieht man Zäune um die Grundstücke, und immer wieder meist Frauen, die ihre Hunde spazieren führen.

US-Präsident Donald Trump zeigt die Executive Order zu den Sonderzöllen
US-Präsident Donald Trump zeigt die Executive Order zu den Sonderzöllen
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Trump feuert und holt sich Geld zurück

Unsere Quartiergeber, ebenfalls Freunde aus den 1990er-Jahren, erschrecken uns mit einer – jetzt wohl typischen – Trump-Story, die man genauso gut eine "Elon Musk-Story" nennen könnte: die Tochter wurde von ihrem Dienst in einer staatlichen Behörde gefeuert, per E-Mail, um 10.30 Uhr in der Nacht. Der Vorwurf: trotz hervorragender Beurteilung wurde behauptet, sie würde "underperformen" – also nicht genug leisten.

Doch fast genauso schnell wendet sich das Blatt: (ich nenne sie) "Cynthia" wurde drei Tage später wieder eingestellt, Massenklagen (sie war ja nicht die Einzige) drohten, die wollte die Trump-Administration nicht ausfechten.

Gefeuert! Wieder eingestellt! Solche "Elon Musk-Storys" kursieren derzeit in den USA massenhaft
Gefeuert! Wieder eingestellt! Solche "Elon Musk-Storys" kursieren derzeit in den USA massenhaft
REUTERS/Mike Segar/File Photo

Meine Tochter kommt mit einer anderen unglaublichen Geschichte vom Besuch bei einem ihrer ehemaligen US-Studienkollegen zurück. Der ist mittlerweile Professor an einer der angesehensten Universitäten in den USA, einem seiner Doktoranden wurde das staatliche Stipendium entzogen. Er kann sich das Studium nicht mehr leisten. Aus, vorbei.

Das Forschungsgebiet des Professors umfasst unter anderem auch AIDS bei Babys in einem verarmten Drittland. US-AID, das amerikanische Unterstützungsprogramm für genau solche Fälle, wurde nun gestrichen – viele Kleinkinder werden ohne Behandlung sterben müssen.

Der Professor selbst bekam eine jährliche staatliche Unterstützung, um sein horrend teures Studium zurückzahlen zu können und nicht in einen viel besser bezahlten Arbeitsplatz in der Privatwirtschaft zu wechseln. Von einem Tag zum anderen wurden ihm die bereits überwiesenen 25.000 Dollar abgezogen, von seinem Konto.

Pam Bondi ist seit Februar 2025 Justizministerin der Vereinigten Staaten
Pam Bondi ist seit Februar 2025 Justizministerin der Vereinigten Staaten
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Das "korrupte Justizministerium"

Ich treffe Robert und Elizabeth, ein Ehepaar, das wir während meiner Tätigkeit als ORF-Korrespondent in den USA kennen und schätzen gelernt hatten. Beide sind Anwälte, beide seit kurzem in Pension. Sie greifen die aktuelle Diskussion um Trumps Kampf gegen das Justizpersonal auf, das er wegen seiner vielen Verfahren aufs Korn genommen hat.

Robert: "Im Justizministerium sitzen jetzt lauter unausgebildete 20-jährige, die mehr Arbeit vor sich haben, als sie in 2 Jahrzehnten leisten können. Das ist perfekt. Die können aber nichts ernsthaft angehen, weil sie plötzlich hinter Dutzenden Anwaltskanzleien her sind, um Himmels Willen."

Elizabeth: "Das sind schreckliche, korrupte Menschen, die jetzt im Justizministerium arbeiten, die neuen."

Robert: "Es ist wie in George Orwells Buch 1984. Sie nennen die USA eine kriminelle Organisation. Warum tun sie das. Sie sprechen davon, dass es überall Betrug gibt oder Korruption. Das sind nur Worte, die ablenken – wir sind die Guten, sagen sie, und das sind die Schlechten. Man muss eine Regierungsorganisation doch nicht 'kriminell' nennen. Warum sagt man nicht einfach: wir müssen Veränderungen vornehmen, ganz einfach, ohne diese Rhetorik. Trump will einfach auf der Titelseite landen, egal, was rauskommt."

Ich frage mich und sie, ob das alles, was wir sehen, eine relativ kurzfristige Fehlentwicklung ist, einfach eine Abweichung von der Norm?

Robert: "Ich glaube, es wird nicht lange andauern. Ein paar Monate noch, dann wird es abflauen – und dann im Herbst 2026 kommen die Midterm-Wahlen, und da wird sich einiges ändern. Doch ich muss auch Joe Biden, dem früheren Präsidenten, die Schuld zuweisen. Er hat es mit seiner Sturheit verhindert, dass die Demokraten einen kompetenten, wählbaren Gegenkandidaten aufgestellt haben – und jetzt haben wir den Salat."

"Schau nur", sagt er weiter, "wie derzeit mit Minderheiten und illegalen Immigranten umgegangen wird. Die werden zu hunderten festgenommen und am nächsten Tag finden sie sich in einer Zelle in El Salvador wieder – ohne eine richterliche Verhandlung. Die USA funktionieren normalerweise auf zwei Ebenen: Einerseits darf niemand ins Gefängnis gesteckt werden ohne ein ordentliches Verfahren. Zweitens auf der Rechtsstaatlichkeit – niemand steht über dem Gesetz. Und Trump versucht, beides zu zerstören."

"Ich hasse es einfach, Europa schon wieder aus der Patsche helfen zu müssen": Vizepräsident JD Vance teilte in den Geheim-Chats gegen den alten Kontinent aus
"Ich hasse es einfach, Europa schon wieder aus der Patsche helfen zu müssen": Vizepräsident JD Vance teilte in den Geheim-Chats gegen den alten Kontinent aus
KEVIN DIETSCH / AFP Getty / picturedesk.com

Signal-Gate als Gesprächsthema Nummer Eins

In der Berichterstattung dominiert das Signal-Chat-Gespräch. Zumindest fünf der hochrangigsten Mitglieder der Regierung unterhielten sich über einen Angriff auf die Huthis im Jemen. Unabsichtlich dazu eingeladen war Jeffrey Goldberg, der Chefredakteur des Monatsmagazins The Atlantic.

Er veröffentlichte zunächst Teile des "Militärschlags". Als die Gesprächsteilnehmer fast wortgleich leugneten, Geheiminformationen bekannt gemacht zu haben, legte Goldberg nach und lieferte den ganzen Wortlaut. Die Demokraten hatten endlich ein Thema, Trump wollte von all dem nichts gewusst haben, Hearings auf parlamentarischen Ebenen folgten, Rücktrittsaufforderungen, zumindest jene des Verteidigungsministers, blieben ungehört.

Die "Nightline" von Ted Koppel war früher in den USA ein Straßenfeger
Die "Nightline" von Ted Koppel war früher in den USA ein Straßenfeger
Eugen Freund

Treffen mit Ted Koppel

Für ein Buchprojekt verabredete ich mich mit Ted Koppel. Er gehörte zu den angesehensten und bekanntesten TV-Journalisten der USA, seine "Nightline", die immer nur ein Thema behandelte, schlug bei den Einschaltziffern immer wieder selbst die beliebten Komödianten dieser Zeit.

Ich kenne ihn seit 1984, zu seinem 85. Geburtstag schickte ich ihm eine Sacher-Torte aus Wien.

Wir trafen uns in seinem Haus in Potomac, einem Vorort von Washington. Er zweifelt, ob die Vereinigten Staaten auch in Zukunft eine Großmacht bleiben werden. "Sie sind wirtschaftlich und militärisch noch immer sehr stark, doch jetzt geschehen Dinge, wo man sich die legitime Frage stellen muss, ob sie als eine der 'Großmächte' überleben können."

Die Kirschbäume sind ein Geschenk Japans aus dem Jahre 1912
Die Kirschbäume sind ein Geschenk Japans aus dem Jahre 1912
Eugen Freund

Prachtvolle Kirschblüten

Was sich gar nicht geändert hat, sind die prachtvollen Kirschbäume, die gerade während unserer Anwesenheit zu blühen beginnen. Sie sind ein Geschenk Japans aus dem Jahre 1912 und ziehen alljährlich hunderttausende Touristen an. Am "Tidal Basin" des Potomac River sind sie DIE Attraktion im Frühling. Doch wer weiß, ob nicht Elon Musk seine Motorsäge demnächst an die Baumstämme anlegen wird, weil Donald Trump ganz plötzlich Japan als bislang engen Verbündeten zum nächsten Feind der USA erklärt.

Apropos Trump. Vor dem Weißen Haus sieht es aus wie immer. Auch dort sind viele Besucher, doch keine Demonstrationen, keine Plakate, keine Schreiduelle zwischen Anhängern und Gegnern dieser Regierung.

Dabei gäbe es Anlässe genug: überall wird eingespart, Leute werden fristlos entlassen, Richter und Anwaltskanzleien werden aufs Korn genommen, Allianzen plötzlich aufgekündigt. Kein Land kann sich mehr sicher sein, ob seine Beziehungen zu den USA noch freundschaftlich sind oder doch schon als feindselig betrachtet werden.

Nur nebenbei: niemand kümmerte sich darum, als ich meine Videokamera durch die engen Zaunstreben beim Weißen Haus durchstecke, um die Fenster der Amtsräume des Präsidenten zu filmen. Möglicherweise bin ich doch schon zu alt, um als potentieller Terrorist eingestuft zu werden.

„Good Night and Good Luck“ mit George Clooney ist derzeit der Hit am Broadway
„Good Night and Good Luck“ mit George Clooney ist derzeit der Hit am Broadway
Eugen Freund

Zurück in New York haben wir das Glück, zwei (leistbare) Karten für das Stück "Good Night and Good Luck" mit George Clooney zu bekommen. Es erzählt die Geschichte des berühmten TV-Kommentators Edward R. Murrow, der sich mit dem Kommunisten-Jäger Senator Joseph McCarthy anlegte.

Vieles von dem, was Murrow damals aufgezeigt hatte, ist genau die Masche, die nun Trump wieder anwendet: politische Gegner werden angeschwärzt und im schlimmsten Fall gefeuert. "You are fired" – das war Donald Trumps Lieblingssatz in seiner Fernsehsendung "The Apprentice", die ihn zwischen 2004 und 2017 landesweit bekannt machte. Jetzt setzt er das als Präsident in die Tat um.

Eugen Freund war Moderator der ZiB 1, lebte von 1979 bis 1984 in New York und war von 1995 bis 2001 in Washington als ORF-Korrespondent tätig. Er war Teil der SPÖ-Delegation im Europa-Parlament und ebendort Mitglied der USA-Delegation (2014-2019)

Akt. Uhr
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