vermisstes flugzeug

Lösen Entenmuscheln das Rätsel um Flug MH370?

Vor zehn Jahren verschwand eine Boeing 777 der Malaysia Airlines, bis heute fehlt von dem Wrack jede Spur. Nun lassen neue Fakten Zweifel an der bisher plausibelsten Version des Hergangs aufkommen.

Lepas anatifera, Entenmuscheln auf einem Stück Treibgut: Tragen diese unscheinbaren Meeresbewohner nun dazu bei, das Rätsel des Malaysia Airlines-Fluges zu lösen?
Lepas anatifera, Entenmuscheln auf einem Stück Treibgut: Tragen diese unscheinbaren Meeresbewohner nun dazu bei, das Rätsel des Malaysia Airlines-Fluges zu lösen?
Steve Trewhella / FLPA / picturedesk.com
Newsflix Redaktion
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Es ist das größte Mysterium der modernen Luftfahrt. Vor exakt zehn Jahren, am 8. März 2014, verschwand eine Boeing 777 der Malaysia Airlines mit 239 Menschen an Bord nach stundenlangem Irrflug über Südostasien spurlos. Bis heute fehlt von dem Wrack und damit auch vom Flugschreiber jede Spur. Nur einige wenige Teile des Flugzeugs wurden eineinhalb Jahre später in Ostafrika, tausende Kilometer von der vermuteten Absturzstelle entfernt, angeschwemmt.

Bis heute ist ungeklärt, ob ein Unfall, eine gescheiterte Entführung, ein erweiterter Selbstmord eines der beiden Piloten oder ein ganz anderes Szenario zum Absturz des Flugzeuges geführt hat. Doch nun hat ein US-Journalist, der sich seit Jahren mit diesem Thema beschäftigt, neue Fakten veröffentlicht, die nicht zum bisher angenommenen Absturzhergang passen. Muss die rätselhafte Geschichte des Unglücks-Fluges nochmals neu geschrieben werden? 

Was man sicher weiß Malaysia Flug MH370 von Kuala Lumpur nach Peking hob am 8. März 2014 um 0.42 Uhr Ortszeit ab und hätte knapp sechs Stunden später in der chinesischen Hauptstadt landen sollen. Doch bereits knapp 40 Minuten nach dem Start wurde im Cockpit des Jets der Transponder, der die Daten des Flugzeugs an die Bodenkontrolle übermittelt, ausgeschaltet. Es folgte eine scharfe Kursänderung, das Flugzeug stieg kurzzeitig sehr hoch über die Reiseflughöhe und sank dann stark ab – all das weiß man aus Aufzeichnungen militärischer Radarüberwachung, diese ist allerdings weder lückenlos, noch wirklich exakt. Flug MH370 wurde zuletzt um 2.22 Uhr Ortszeit vom Militärradar erfasst, als er nordwestlich Richtung Andamanensee flog, dann verliert sich die Spur des Jets.  

Um 2.22 Uhr Ortszeit wurde Flug MH370 das letzte Mal vom Radar erfasst, dann verschwand die Boeing für immer
8. März 2014

Der Rest ist Spekulation Danach gab es nur mehr einen automatisierten Kontakt mit dem Bordcomputer des Flugzeugs, konkret mit der Satellitendateneinheit. Diese wurde von der Bodenstation gesendet, vom Bordcomputer automatisch beantwortet und von einem Satelliten aufgefangen. Dadurch ließ sich allerdings nicht genau berechnen, wohin das Flugzeug steuerte, noch weiß man, ob es da bereits per Autopilot flog, oder ob nach wie vor ein Mensch am Steuer saß. Wie lange das Flugzeug noch in der Luft war, in welche Richtung es flog und wo es schließlich niederging, ließ sich auch in monatelangen Auswertungen nicht exakt bestimmen.

Suchaktionen blieben ohne Erfolg In den Wochen und Monaten nach dem Verschwinden des Flugzeugs folgten zahlreiche Suchaktionen nach dem Wrack, bei denen höchst unterschiedliche Bereiche des Indischen Ozeans abgesucht wurden. Denn die Berechnungen, wo Flug MH370 letztlich niedergegangen sein könnte, änderten sich mehrfach. Insgesamt wurden 4,5 Millionen Quadratkilometer Meeresoberfläche abgesucht, aber vergeblich. Die Boeing 777 blieb verschwunden.

Nicht vergessen: Zum zehnten Jahrestag des Verschwindens von Flug MH370 fand in Kuala Lumpur eine Gedenkveranstaltung der Hinterbliebenen des Unglücks statt
Nicht vergessen: Zum zehnten Jahrestag des Verschwindens von Flug MH370 fand in Kuala Lumpur eine Gedenkveranstaltung der Hinterbliebenen des Unglücks statt
ARIF KARTONO / AFP / picturedesk.com

Erste Trümmer nach eineinhalb Jahren Das erste Wrackteil des Jets wurde erst im Juli 2015 angeschwemmt, und zwar auf der kleinen, zu Frankreich gehörenden Inseln La Réunion östlich von Afrika. Es war ein sogenanntes Flaperon, ein Teil der Landeklappen in den Tragflächen. Weitere Wrackteile wurden in den folgenden zwölf Monaten auf Madagaskar und Mauritius, in Tansania und in Südafrika angeschwemmt, insgesamt waren es 22 Teile, die bis Ende 2016 gefunden wurden.

Kein Flugzeug war länger vermisst Trotz organisierter Suchaktionen auch von Hinterbliebenen des Absturzes, die Klarheit über die Unfallursache haben möchten, tauchten in den folgenden Jahren nur mehr wenige und sehr kleine Trümmerteile an den Stränden Ostafrikas auf. Der überwiegende Teil des 64 Meter langen Flugzeugs blieb verschwunden – bis heute. Das ist einzigartig, abgestürzte Flugzeuge werden in der Regel rasch gefunden, auch wenn sie ins Meer stürzen. Die zweitlängste Suche nach einem Absturz war jene nach einem Jet der Adam Air, der 2007, ebenfalls in den Indischen Ozean, verunglückt war. Diese Suche dauerte zehn Tage.

Auch nach zehn Jahren fehlt von dem Wrack jede Spur
Das gab es noch nie

Neue Forderungen … Nun, zum zehnten Jahrestag des Unglücks, trafen sich einmal mehr zahlreiche Hinterbliebene der Passagiere in Kuala Lumpur, um eine Neuaufnahme der Suche nach dem Flugzeug zu fordern. Sie wollen Klarheit, was mit ihren Liebsten passiert ist. Und Klarheit ist, wenn überhaupt, nur über den Flugdatenschreiber, die sogenannte Blackbox, zu bekommen. Doch solange das Wrack verschollen ist, gibt es gar nichts.

Eines der wenigen gefundenen Trümmerteile von Flug MH370: Das verschwinden des Flugzeuges bleibt auch zehn Jahre danach rätselhaft
Eines der wenigen gefundenen Trümmerteile von Flug MH370: Das verschwinden des Flugzeuges bleibt auch zehn Jahre danach rätselhaft
MOHD RASFAN / AFP / picturedesk.com

… und neue Erkenntnisse Rechtzeitig zum Jahrestag ging auch der US-Investigativjournalist Jeff Wise einmal mehr an die Öffentlichkeit, und zwar mit einer Aufsehen erregenden Reportage im "New York Magazine". Wise ist Wissenschafts- und Luftfahrtjournalist und seine Beschäftigung mit der Causa MH370 hat durchaus etwas Obsessives. Aber er gräbt auch an Orten, die von den offiziellen Ermittlern längst verlassen wurden. So wie auch jetzt. Denn Wise berichtet über den Bewuchs der aus dem Meer gefischten Trümmerteile des Jets mit Meeresfauna - und dass dieser nicht mit der rekonstruierten Geschichte des Absturzes zusammenpasst.

Zeugin der Anklage: Lepas anatifera Die Entenmuschel (Lepas anatifera) kommt in allen Ozeanen der Welt vor. Die Tiere setzen sich an allem fest, woran sie Halt finden, und lassen sich dann durchs Meer treiben, während sie Mikronährstoffe aus dem Wasser filtern. Aber viel wichtiger: Sie wachsen die ganze Zeit, während sie auf ihrem Trägerobjekt sitzen, und ihre Schalen zeichnen alle Umweltveränderungen auf, wie die Jahresringe eines Baumes. So können Meeresbiologen sehr exakt berechnen, wie alt eine Entenmuschel ist und wie lange sie bereits auf "ihrem" Transportmittel sitzt. Und jetzt wird es seltsam: Denn alle Trümmerteile von MH370, die bislang gefunden wurden, hatten Entenmuscheln auf sich sitzen, die kaum älter als vier Monate alt gewesen sind.

Wandgemälde in Malaysia: Eine eindrückliche Erinnerung daran, dass das Verschwinden des Jets vor zehn Jahren noch immer ungelöst ist.
Wandgemälde in Malaysia: Eine eindrückliche Erinnerung daran, dass das Verschwinden des Jets vor zehn Jahren noch immer ungelöst ist.
Kepy / Zuma / picturedesk.com

Eine Lücke von einem Jahr "Diese Lücke in den Daten – ein Jahr zwischen dem Absturz und dem Beginn des Muschelwachstums – wäre vielleicht lediglich rätselhaft, wenn sie nur an dem Flaperon beobachtet worden wäre, der als erstes gefunden worden ist", so Investigativjournalist Jeff Wise. "Aber alle bisher geborgenen MH370-Trümmer weisen diese Anomalie auf."

Und noch ein Detail macht den Reporter stutzig. Französische Wissenschafter haben das Flaperon, das auf La Réunion angeschwemmt worden ist, untersucht. "Sie haben es in eine Testanlage in Toulouse gebracht, um zu sehen, wie sich das Teil im Wasser verhält", so Journalist Jeff Wise. Ergebnis: Ein Teil des Flaperons ragte hoch aus dem Wasser. Seltsam nur: Auch dieser Teil, der eigentlich gar nicht vom Wasser umspült worden ist auf seiner langen Reise, war voll mit Muscheln. Dieser Widerspruch irritiert die Forscher bis heute.

Wenn man den Fall wirklich lösen möchte, müssen die Annahmen, was seinerzeit passiert ist, neu überdacht werden
Investigativjournalist Jeff Wise

Falsche Strömungsberechnungen Und auch die Gebiete, in denen die Trümmerteile angeschwemmt worden waren, passen nicht mit der letztlich errechneten Absturzzone zusammen. Zahlreiche Untersuchungen, in die die Strömungsverhältnisse im Indischen Ozean mit einbezogen worden sind, würden eine ganz andere Absturzstelle nahelegen. 

Den Fall ganz neu denken Für Jeff Wise führen all diese Punkte zu einer Erkenntnis: "Das Verständnis der Behörden für den Absturz von Flug MH370 ist stark fehlerhaft. Wenn ein ernsthaftes Interesse daran besteht, den Fall zu lösen, dann müssen die Annahmen, was in jener Nacht vor zehn Jahren passiert sein könnte, neu überdacht werden." Ob es dieses ernsthafte Interesse wirklich gibt, bleibt abzuwarten.

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