Alle Daten noch da
Nach 5 Jahren in Themse: iPad löst Krimi um Mordversuch
2019 sollte ein Londoner Gangster im Kugelhagel sterben. Die Polizei hatte zwar Verdächtigte für das Attentat, aber keine stichhaltigen Beweise. Bis sie ein altes iPad aus der Themse fischte und ihre Daten-Forensiker darauf eine überraschende Entdeckung machten.

Die Tücken unserer vernetzten Welt sind jetzt einem britischen Verbrecher-Trio zum Verhängnis geworden. Die drei Männer wurden des versuchten Mordes für schuldig gesprochen. Und die entscheidenden Beweise dafür lieferte ausgerechnet ein iPad, das zuvor 5 Jahre lang auf dem Grund der Themse gelegen war. Nicht einmal die Ermittler selber hätten gedacht, dass die verräterischen Daten über solch einen langen Zeitraum unbeschadet geblieben sind. Umso mehr staunten sie, was die Daten-Forensiker alles auf dem Tablet fanden.
3 Berufsverbrecher, 2 Raubüberfälle und 1 Mordversuch Die Geschichte beginnt im Jahr 2019. Am 11. Juli des Jahres fand im vornehmen Londoner Stadtteil Woodford ein Schussattentat auf einen landesweit bekannten Schwerverbrecher statt. Paul Allen, damals 41 Jahre alt, war Teil jener Gang, die im Jahr 2006 den bis heute größten Raub der britischen Kriminalgeschichte begangen hat, wie der Stern rekonstruiert hat.

Attentat auf das "Superhirn" Allen und seine Kumpane – bis heute ist nicht klar, wie viele Menschen an dem Coup beteiligt gewesen sind –, überfielen mit Waffengewalt ein Geldlager des Sicherheitsdienstes Securitas in der Grafschaft Kent. Sie erbeuteten damals 53 Millionen Pfund – und mussten weitere 153 Millionen zurücklassen, weil ihr Lastwagen nicht groß genug war für die Geldmengen.
Flucht nach Marokko Einige der Täter wurden damals relativ rasch nach der Tat geschnappt, andere kennt man bis heute nicht. Auch ein guter Teil der Beute – mehr als 30 Millionen Pfund – ist bis jetzt nicht aufgetaucht. Paul Allen und ein Kompagnon setzten sich nach Marokko ab und lebten dort einige Monate lang in Saus und Braus. Bis die britische Justiz einen Weg fand, die beiden Männer trotz fehlendem Auslieferungsabkommen in Nordafrika festzunehmen und nach Großbritannien zurückzubringen.


Jahre im Gefängnis Allen wurde verurteilt und saß bis 2016 im Gefängnis. 2018 wurde ein Schussattentat auf ihn verübt, der Verdacht fiel rasch auf kriminelle Mitbewerber. Weshalb er für sich, seine Lebensgefährtin und die gemeinsamen Kinder eine Villa in Woodford mietete – und hoffte, das alte Leben hinter sich lassen zu können. Doch am 11. Juli 2019, so die BBC, holte ihn sein Schicksal ein.
Knapp am Tod vorbei Zwei unbekannte Täter schossen kurz nach 23 Uhr durch die Türe des Wintergartens auf Paul Allen, der gerade in der Küche war. Vier der Kugeln, die aus einer Glock-Pistole mit Laser-Zieleinrichtung abgefeuert wurden, gingen daneben, aber zwei trafen ihr Opfer. Eine riss Allen seinen kleinen Finger ab, die zweite drang in den Hals ein und verletzte Paul Allens Wirbelsäule.

Opfer sitzt seither im Rollstuhl Nur der Geistesgegenwart eines Wächters, der ein paar Häuser weiter Dienst tat, verdankt er sein Leben, weil er sofort Erste-Hilfe-Maßnahmen ergriff. Doch seit dem Attentat ist er von der Brust abwärts gelähmt. Wer es verübte, war zunächst vollkommen unklar. Zeugen sahen nur zwei Männer davonlaufen und mit einem wartenden Auto vom Tatort weg rasen.
Erste Spur dank DNA Doch die Ermittler fanden in der Nähe des Tatorts DNA-Spuren von 2 Männern, die für sie keine Unbekannten waren: Louis A. (36) und Daniel K. (46). Die beiden waren – gemeinsam mit Louis' Bruder Stewart (46) einen Monat vor dem Attentat von London bereits im Visier der Strafermittler aufgetaucht. In Genf hatten sie im Juni 2019 das Museum für Fernöstliche Kunst in der der Fondation Baur ausgeraubt und dabei 3 Kunstgegenstände aus der Ming-Dynastie gestohlen. Wert: 3,5 Millionen Euro.

DNA-Beweise am Tatort Einer der drei war von einer Überwachungskamera dabei gefilmt worden, wie er am Tag vor der Raub das Museum auskundschaftete, ein weiterer verletzte sich bei dem Einbruch – der Coup fand in der Nacht statt – am Bauch und hinterließ seinen DNA am Tatort. Das tollpatschige Trio flog nach Hongkong, um die heiße Ware in einem Auktionshaus zu Geld zu machen– nur um sofort an die Polizei verraten zu werden. Doch noch einmal entkam das Trio, so die BBC.
Zurück in London – und in der Falle Denn die drei waren schon wieder am Weg zurück nach London. Dort stellte ihnen die Polizei schließlich eine Falle, indem sich Undercover-Beamte als potenzielle Käufer für die Ming-Kostbarkeiten ausgaben. Im Oktober 2019, drei Monate nach dem Schussattentat, wurde ein Date in einem Londoner Luxushotel ausgemacht – dort klickten die Handschellen.
Aus Monaten werden Jahre Seither sitzt das Trio in Untersuchungshaft. Der Raub in Genf konnte ihnen mit den vorhandenen Beweisen (inklusive der Beute und dem Trip nach Hongkong) locker nachgewiesen werden und dafür wurden sie auch in der Schweiz mittlerweile verurteilt. Für solche Fälle werden Verbrecher für den Zeitraum des Prozesses an ein anderes Land "ausgeliehen" und nach der Urteilsverkündung in Genf (3,5 Jahre Haft und ein Landesverweis für 5 Jahre) wieder nach London zurückgebracht, wo ein weiteres Verfahre – eben das wegen des Schussattentats – auf sie wartet.

Raubüberfall auf einen Luxusappartments Auch ein weiterer, extrem dilettantischer Raub am 9. Juli 2019 – zwei Tage vor dem Schussattentat – konnte ihnen nachgewiesen werden. Sie fuhren mit einem Blaulicht am Dach bei einem Luxusappartment-Komplex in Sevenoaks, Grafschaft Kent, vor, gaben sich als Polizisten aus und stahlen aus mehreren Wohnungen Designer-Objekte.
Und was ist mit dem Mordversuch? Aber was war mit dem Mordversuch an Paul Allen? Die Polizei fand zwar heraus, welches Auto das Trio zum Tatzeitpunkt fuhr – einen gemieteten Renault, den Stewart A. auf seinen eigenen Namen und mit seiner Kreditkarte buchte. Sie wusste dank Verkehrsvideoüberwachung auch, wo dieser Wagen in der Tatnacht unterwegs gewesen ist – etwa an einer Tankstelle, wo Louis A. etwas zu trinken kaufte. Doch das sind alles Indizien – gut, aber nicht wasserdicht für eine Verurteilung.

Wo ist die "Smoking Gun"? Den Ermittlern fehlte das Bindeglied zwischen all diesen Indizien. Der "Rauchende Colt", also der unumstößliche Beweis dafür, wie alles miteinander zusammenhing. Da kam ihnen der Zufall zu Hilfe. Denn Louis erwähnte, dass die drei auf ihr Fahrt in der Tatnacht mit dem Renault eine kurze Pause nahe der Themse einlegten, um "Luft zu schnappen".
Arbeit für den Metalldetektor Die Polizei fand die entsprechenden Bilder der Verkehrsüberwachung und sah, dass die Brüder tatsächlich Luft schnappten – aber Daniel K. sich währenddessen still und heimlich Richtung Themse auf den Weg machte. Die Ermittler schlossen daraus, dass er im Fluss etwas loswerden wollte – und tippten auf die Tatwaffe. Also ließ man den Fluss im gesamten Uferbereich mittels Metalldetektoren absuchen.

Keine Waffe, aber ein iPad Dabei ging den Tatortexperten zwar keine Waffe, dafür aber ein iPad ins Netz. Es lag offenbar seit mehr als 5 Jahren – nämlich seit dem Juli 2019 – unter mehreren Zentimetern Schlick im Wasser der Themse. Doch wer denkt, dass damit alle Daten auf dem Gerät beim Teufel sind, liegt falsch. Den Experten gelang es, die SIM-Karte aus dem iPad zu reinigen und neu zu aktivieren. Und siehe da: Die auf der Karte gespeicherten Daten konnten von den Forensikern wieder hergestellt werden.
Eine Fundgrube für die Polizei Für die Ermittler waren die Daten aus dem iPad von Daniel K., als hätte sich Ali Babas Höhle plötzlich für sie geöffnet. Mit einem Mal lag alles offen da. Sie hatten alle Gesprächsnachweise, da das Handy des Mannes mit dem iPad synchronisiert war. So konnten sie die einzelnen Verbrechen miteinander verknüpfen, weil es dazu Anrufe oder Textnachrichten gab.

Das Opfer wurde per GPS beschattet Dem Trio war es offenbar auch gelungen, Paul Allens Wagen ausfindig zu machen und mit einem GPS-Tracker auszustatten. Auch dieser wurde über das iPad überwacht. Und last but not least kauften sie Unmengen an Hightech-Ware bei Amazon und Ebay – vor allem Prepaid-Handys und sonstiges Equipment – , um bei ihren Raubzügen nicht aufgespürt werden zu können. Insgesamt 59 derartige Einkäufe konnten die Ermittler über das iPad nachvollziehen.
Das Urteil: schuldig Damit hatte die Anklage endlich alles beisammen, was sie für einen Prozess benötigte. Vor dem berüchtigten Strafgerichtshof Old Bailey fand nun der Prozess gegen das Trio wegen versuchten Mordes statt – und endete mit einem Schuldspruch. Vergangene Woche – am 24. März – fällte das Gericht sein Urteil. Die Verkündung des Strafmaßes wird am 25. April erfolgen.

Eine Frage blieb unbeantwortet Doch so viel Aufsehen der Prozess und das Urteil in Großbritannien auch erregte, eine Frage blieb bis zuletzt unbeantwortet: Warum die Brüder und Daniel K. das Opfer Paul Allen überhaupt töten wollten. War es ein Auftragsmord? Hatten sie mit ihm eine Rechnung offen? Waren sie am Ende gar Teil der Gang, die vor bald 20 Jahren die 53 Millionen Pfund abgestaubt hat, sind aber dabei leer ausgegangen?
"Wir graben weiter" Bei der Londoner Metropolitan Police, die in diesem Fall die Ermittlungen über beinahe 6 Jahre führte, ist man sicher, dass noch längst nicht alle Rätsel im Krimi um das Trio Infernale gelöst sind. "Es handelt sich hier offenbar um drei sehr erfahrene internationale Kriminelle und das ist einer dieser Fälle, bei denen man immer wieder noch etwas findet", sagt dazu Detective Superintendent Matthew Webb von der Metropolitan Police. "Man muss nur immer weiter graben – und genau das werden wir tun."