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Netflix-Hit "Adolescence": "Wir reden zu wenig über die Opfer"

Die Serie "Adolescence" wühlt derzeit viele auf. Ein 13-Jähriger tötet eine Mitschülerin mit 7 Messerstichen. Der Vierteiler erklärt die Tat aus der Perspektive des Mörders. Verharmlost er männliche Gewalt? Wie Psychiaterin Elisabeth Harmankaya die Verfilmung sieht.

Warum wurde Jamie zum Mörder? Die Wiener Psychiaterin Elisabeth Harmankaya auf Spurensuche
Warum wurde Jamie zum Mörder? Die Wiener Psychiaterin Elisabeth Harmankaya auf Spurensuche
Montage Oliver Topf Fotografie/Netflix
Nastassja Offenbacher
Uhr
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Achtung, Spoiler-Alarm! Wer sich vorgenommen hat, die gehypte Serie "Adolescence" anzusehen, sollte diesen Artikel vielleicht lieber später lesen.

Eine neue Miniserie auf dem Streaminganbieter Netflix sorgt derzeit für Gesprächsstoff – und das nicht ohne Grund. "Adolescence" erzählt die Geschichte von Jamie, einem Jugendlichen, der zum Mörder wird.

Erin Doherty versucht als Psychiaterin Briony Ariston in den Kopf von Jamie zu schauen
Erin Doherty versucht als Psychiaterin Briony Ariston in den Kopf von Jamie zu schauen
Courtesy of Netflix

Doch es geht um mehr als "nur" um seine Tat: Die Serie wirft einen tiefen Blick auf die psychologischen und gesellschaftlichen Hintergründe solcher Eskalationen. Was treibt junge Männer in extreme Denkmuster? Welche Rolle spielen Mobbing, Social Media und traditionelle Männlichkeitsbilder?

Elisabeth Harmankaya ist Psychiaterin in Wien, sie hat auch vier Jahre in einem Gefängnis gearbeitet. "Adolescence" findet sie sehenswert, aber ... Warum die Serie momentan so viele bewegt:

Das müssen Sie über "Adolescence" wissen
Die Serie ist seit knapp drei Wochen auf Netflix verfügbar. Sie besteht aus vier Folgen, die zwischen 51 und 65 Minuten lang sind. Im Herstellerland Großbritannien wurde "Adolescence" zur bisher meistgesehenen Streamingserie aller Zeiten. Auch in Österreich sorgt der Vierteiler für viel Gesprächsstoff.

Worum geht es?
Um den 13-jährigen Jamie, der in der Schule gemobbt wurde und selbst zum Täter wird. Die Serie beginnt damit, dass mehrere Polizisten das Haus stürmen, in dem Jamie wohnt, und ihn frühmorgens aus dem Bett reissen. Er wird verängstigt und desorientiert in Handschellen abgeführt – vor den Augen seiner Familie.

Hauptdarsteller Owen Cooper mit seinen Eltern bei der Premiere in London
Hauptdarsteller Owen Cooper mit seinen Eltern bei der Premiere in London
Picturedesk

Was ist der Hintergrund?
Wie sich erst nach und nach entpuppt, wurde Jamie von einem Mädchen gemobbt, das er eigentlich um ein Date gebeten hatte. Was man jedoch gleich in der ersten Folge sieht, und auch anhand einer Überwachungsaufnahme Jamies Vater: Genau jenes Mädchen, Katie, wird  auf einem Parkplatz mit 7 Messerstichen ermordet.

Was ist das Besondere an der Serie?
Die intensiven Bilder, die Kameraführung, die vielen Drohnenaufnahmen. Alle Teile wurden als One-Shot gedreht, also in einer einzigen Einstellung am Stück, ohne Schnitte.

Wer sind die Hauptdarsteller?
Es spielen keine Superstars mit, auch die neuen Gesichter machen den Reiz der Serie aus. Herausragend zeigt sich Owen Cooper, ein britischer Nachwuchsschauspieler, der aus 500 Bewerbern für die Rolle des Jamie ausgewählt wurde.

Was hat Brad Pitt mit der Serie zu tun?
Das Drehbuch wurde zunächst der Produktionsfirma Plan B Entertainment angetragen. Das Unternehmen wurde 2001 unter anderem von Brad Pitt und Jennifer Aniston gegründet. Pitt ist heute CEO. "Adolescence" sollte ursprünglich für Amazon verfilmt werden. Als das scheiterte, sicherte sich Netflix den Stoff.

Jamies Eltern verstehen nicht, was vor sich geht: Christine Tremarco als Manda Miller, Stephen Graham als Eddie Miller
Jamies Eltern verstehen nicht, was vor sich geht: Christine Tremarco als Manda Miller, Stephen Graham als Eddie Miller
Courtesy of Netflix

Was war die Idee für "Adolescence"?
Die beiden Drehbuchautoren Stephen Graham und Jack Thorne wollten einem toxischen Cocktail auf den Grund gehen. Die Ermordung zweier Mädchen durch männliche Teenager in Großbritannien. Die Brutalisierung durch Social Media und das Scheitern des Schulsystems bei der Bewältigung. Der Kult um den sexistischen Influencer Andrew Tate. Die Erklärung der Hintergründe sollte ohne die üblichen Stereotype auskommen.

Ist das gelungen?
Jein, wenn man den Ausführungen von Elisabeth Harmankaya folgt. Die Serie rückt vor allem Jamie in den Mittelpunkt – doch was ist mit dem Opfer? "Es wurde wirklich sehr viel auf den Täter eingegangen, was vielleicht auch das Ziel der Serie war", kritisiert die Wiener Psychiaterin. "Doch es geht wieder um einen Mann, um seine 'schlimme Geschichte'."

Welchen Zugang hat Elisabeth Harmankaya?
Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin mit eigener Praxis in Wien. Harmankaya war leitende Oberärztin an der 2. Psychiatrischen Abteilung in der Klinik Hietzing und vier Jahre als Psychiaterin in der Justizanstalt Simmering tätig. Zusätzlich brachte sie ihre Kenntnisse als Ausbilderin in der psychiatrischen Schulung von Polizeischülern ein.

Was hält sie grundsätzlich von "Adolescence"?
"Ich finde die Serie sehr wertvoll, aber sie sollte erst ab 14 Jahren geschaut werden", empfiehlt die Psychiaterin.

Brad Pitt und seine damalige Frau Jennifer Aniston gründeten Plan B Entertainment 2011, heute ist er der CEO der Firma
Brad Pitt und seine damalige Frau Jennifer Aniston gründeten Plan B Entertainment 2011, heute ist er der CEO der Firma
Picturedesk

Welche Folgen von Mobbing (im Internet) sie sieht
Mobbing ist für viele Jugendliche eine harte Realität. Die Folgen sind oft gravierend. "Gerade junge Menschen, deren Selbstbild noch nicht gefestigt ist, leiden massiv unter Mobbing. Es kann zu schweren Selbstzweifeln, Angststörungen und Depressionen führen", sagt Elisabeth Harmankaya. "In Extremfällen kann es sogar so weit gehen, dass sich Betroffene das Leben nehmen.*

Welche zusätzliche Gefahr besteht?
"Dass Opfer selbst zu Tätern werden und in weiterer Folge andere mobben oder misshandeln. Häufiger jedoch bleibt das Erlebte eine lebenslange Bürde – das führt auch dazu, dass sie weniger leicht in Beziehungen gehen und Misstrauen eine tief gehende Bindung zu anderen Menschen erschwert."

Warum Social Media als Verstärker dient
Wer gemobbt wird, sucht oft online nach Anschluss. "Gerade Jugendliche sind noch nicht in ihrer Persönlichkeit gefestigt", so die Psychiaterin. "Wenn sich jemand wie ein Außenseiter fühlt, besteht die Tendenz dazu, sich in sozialen Medien wiederzufinden."

Was das Fatale an Social Media ist
"Plattformen wie TikTok und Instagram sind algorithmusgesteuert und fördern polarisierende Inhalte. Das Resultat ist oft ein Schwarz-Weiß-Denken, das schnelle Zugehörigkeit suggeriert, aber kritisches Hinterfragen erschwert."

Mobbingort Schule: Detective Inspector Bascombe, Detective Sergeant Frank
Mobbingort Schule: Detective Inspector Bascombe, Detective Sergeant Frank
Courtesy of Netflix

Wie Dominanz zum Vorbild für toxische Männlichkeit wird
Bestimmte Influencer, wie beispielsweise Andre Tate, propagieren ein rückwärts gewandtes Männerbild: Dominanz ist alles, Emotionen werden als Schwäche ausgelegt. "Solche Vorbilder sind natürlich fatal – hier wird eine 'echte Männlichkeit' suggeriert, bei der es sehr viel darum geht, dass man dominant sein sollte sowie auch seine Gefühle nicht zeigen darf", sagt Harmankaya.

Welche Auswirkungen diese Einstellung auf Frauen hat
"Frauen werden wieder in das alte Rollenbild gedrängt, Männer sind wieder das starke Geschlecht. Das ist irrsinnig toxisch, woraus sich natürlich ein ungesundes Rollenverständnis zwischen Mann und Frau entwickelt", warnt Harmankaya. "Besonders gefährdet sind junge Männer ohne stabile Vorbilder oder sozialen Rückhalt. In Gruppendynamiken kann das dazu führen, dass Aggression als erstrebenswert wahrgenommen wird und Frauen damit gefügig gemacht werden können".

Warum die Familie eine wichtige Instanz ist
Wie Kinder Geschlechterrollen wahrnehmen, wird stark vom Elternhaus geprägt. "Hier will ich jedoch nicht sagen, dass nur die Eltern dafür verantwortlich sind, sondern es gibt ja auch andere Bezugspersonen, die mit den Jugendlichen zu tun haben."

Wie diese Prägung erfolgt
"Wenn Burschen mit Sätzen wie 'ein Mann kennt keinen Schmerz' aufwachsen, kann emotionale Unterdrückung zur Normalität werden. Das macht anfälliger für extreme Ideologien. Natürlich heißt das nicht, dass jeder aus einem konservativen Umfeld radikale Ansichten übernimmt – aber das Risiko steigt."

Amelié Pease spielt Lisa, die Schwester von Jamie
Amelié Pease spielt Lisa, die Schwester von Jamie
Courtesy of Netflix

Stigmatisiert die Serie Täter?
"Jeder kann unter gewissen Umständen zu gewissen Taten fähig sein. Bei Jamie spielt die Belastung eine Rolle: Sein jähzorniger Vater konnte ihm nicht helfen, seine Gefühle zu verarbeiten", sagt die Psychiaterin.

Was bei der Serie zu kurz kommt
Sie stellt eine psychische Erkrankung nicht als alleinige Ursache dar. "Zwar könnte bei Jamie eine dissoziale Persönlichkeitsstörung eine Rolle spielen, aber ich sehe das eher als Folge von Mitläufertum und Beeinflussung durch Social Media. Zudem ist nicht jeder mit einer solchen Störung zu einer solchen Tat fähig."

Werden Frauen in der Serie wieder einmal "vergessen"?
"Was mit dem Mädchen passiert ist, wie es ihr geht, darauf wird gar nicht eingegangen. Das sehe ich als großes Problem", sagt Harmankaya. "Ich hätte mir in der Serie gewünscht, dass auch das beleuchtet wird – eben welche Auswirkungen das auf die eigentlichen Opfer hat", sagt Harmankaya.

Welches Bild der Frau transportiert wird
"Es wird zu wenig auf das Rollenbild der Frau eingegangen. Jamie hat nie seine Mutter dazugezogen, sie war nie seine Ratgeberin."

Fremde Gedankenwelten: Eddie Miller mit seinem Sohn Jamie nach der Tat
Fremde Gedankenwelten: Eddie Miller mit seinem Sohn Jamie nach der Tat
Courtesy of Netflix

Was die Serie noch offenbart
Wie wenig Erwachsene die Welt der Jugend verstehen, welche Codes verwendet werden. Sichtbar wird das im Umgang mit Emojis. Eltern verstehen nicht, dass scheinbar harmlose Zeichen, die Farbe von Liebesherzen oder bestimmte Gemüsesorten, eine tiefe Bedeutung haben können. Und wenn sie es erfahren, bricht Panik über diese fremde Welt aus.

Sollten Jugendliche die Serie sehen?
Ja, aber mit Begleitung. "Eltern und Pädagogen sollten mit Jugendlichen über die Inhalte sprechen, um problematische Rollenbilder zu hinterfragen. Ein bewusster Umgang mit sozialen Medien und offene Gespräche über Mobbing und toxische Männlichkeit sind essenziell, um Orientierung zu geben", so die Psychiaterin.

Was dabei angesprochen werden sollte
Es geht Harmankaya besonders darum, die psychosozialen Dynamiken sowie den gesellschaftlichen Druck zu hinterfragen, dem Kinder, Männer und Frauen ausgesetzt sind – und welche Auswirkungen dies hat. Außerdem sollte aufgezeigt werden, wie sich das derzeitige Männer- und Frauenbild entwickelt, das laut der Expertin zunehmend rückschrittliche Züge zeigt.

* Sollten Sie Suizid-Gedanken haben, dann holen Sie sich bitte Hilfe. Der Notruf 142 steht rund um die Uhr zur Verfügung.

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