"Spät aber doch"
Neue Liebe im Alter: Einfach gut oder einfach nur peinlich?
Ist man hässlich, nur weil man alt ist? Lohnt es sich auch über 80, noch an die Liebe zu glauben? Lebensfragen, mit denen sich Erika Pluhar – knapp vorm 86. Geburtstag – in ihrem neuen Buch beschäftigt. Angela Szivatz hat es gelesen.

Es ist fast Augenhöhe hergestellt. Rund 2,2 Millionen Haushalte mit Ehepaaren oder Lebensgemeinschaften gibt es in Österreich (Stand 2022), aber auch schon 2 Millionen, die ein Single-Leben führen. Nicht immer freiwillig, aber manchmal schon.
Befragungen haben ergeben, dass 80 Prozent der Männer, aber nur 62 Prozent der Frauen nach einer Beziehung streben. Spannend dabei: Menschen ab 70 Jahren wurden für die Statistiken gar nicht mehr befragt. Schade, eigentlich. Speziell für sie gibt es jetzt "Spät aber doch". Das müssen Sie zum neuen Buch von Erika Pluhar wissen:
Wer ist Erika Pluhar?
Auf jeden Fall ist sie alterslos. Die geborene Wienerin wird am 28. Februar 86 Jahre alt. "Das Alter ist schon auch eine Zumutung", sagte sie im Vorjahr zur Deutschen Presse-Agentur, fügte allerdings an: "Da steckt aber das Wort Mut drinnen."

Was macht Pluhar aus?
Ihr Multitalent und wohl auch der Umstand, dass sie eine Art Ikone in der österreichischen Kulturlandschaft ist. Sie wurde 1939 in Wien geboren, ein halbes Jahr bevor der Zweite Weltkrieg losbrach.
Was bedeutet Multitalent in diesem Fall?
Nach Abschluss des Gymnasiums lernte Pluhar Schauspiel am "Max-Reinhardt-Seminar". Gleich danach wurde sie an das Wiener Burgtheater engagiert, wo sie bis 1999 vier Jahrzehnte lang erfolgreich wirkte. Sie drehte Filme ("Bel Ami"), führte Regie, schrieb so um die 26 Bücher, war Produzentin. Und sie lebte.
Welche Talente hat die Pluhar noch?
Ihre Stimme entfaltete schon im Theater große Wirkung. Während ihrer zweiten Ehe mit André Heller begann Pluhar eine Laufbahn als Sängerin. Zunächst interpretierte sie Lieder anderer, mit der Zeit konzentrierte sie sich auf eigene Texte. Mit den Musikern Antonio V. D`Almeida und Peter Marinoff war sie über zehn Jahre lang in einer Trioformation tätig. Sie hat rund 30 Tonträger aufgenommen.

Macht die Pluhar immer noch Musik?
Ja, sie ist auch mit 85 Jahren noch vier bis fünf Mal pro Monat bei Konzerten und Lesungen aktiv. Unter anderem kam es auch zur Zusammenarbeit mit dem Sänger Klaus Trabitsch, Komponist auch für Kurt Ostbahn. "Das Karibische - das Österreichisch Bergländische - er verbindet es," schwärmt Pluhar auf seiner Website.
Pluhar ist auch politisch engagiert, oder?
Ja, sie engagiert sich gegen Faschismus und hat eine enge Verbindung zur SPÖ. Angebote der Partei, für das Amt der Bundespräsidentin zu kandidieren oder Kulturministerin zu werden, lehnte sie ab. Auch Hollywood zeigte sie die kalte Schulter. Die angebotenen Filme seien zu schlecht gewesen, sagte sie einmal.
Wie verlief ihr Privatleben?
Pluhar war zweimal verheiratet, von 1970 bis 1984 mit André Heller, von dem sie sich allerdings schon 1973 trennte. Davor von 1960 bis 1967 mit Udo Proksch, Designer, Unternehmen und ab 1972 Inhaber der Konditorei Demel, wo sich die sozialdemokratische Prominenz im "Club 45" traf. 1991 wurde Proksch wegen sechsfachen Mordes und Versicherungsbetrugs im Fall Lucona zu lebenslanger Haft verurteilt. Erika Pluhar besuchte ihn bis zu seinem Lebensende 2001 regelmäßig in der Haft und wollte ihn nie als Mörder sehen.

Hatten die beiden Kinder?
Die Pluhar hatte mit Proksch eine Tochter, Anna, 1962 geboren. Schon früh entwickelte sie starkes Asthma. Anna verstarb 1999 im Alter von 38 Jahren an einem Asthamanfall. Pluhars Roman "Anna - Eine Kindheit" (2018 erschienen) wurde von der Kritik als große Selbstanklage verstanden. für sie sei das Buch "Aufarbeitung und Fiktion gleichzeitig", sagte sie dem Kurier.
Hatte Tochter Anna Kinder?
Ja, einen Adoptivsohn. Nach dem Tod ihrer Tochter adoptierte Erika Pluhar Ignaz, der ebenfalls Schauspieler wurde und 2020 dann selbst Vater von Merlin wurde. Ignaz ist also gleichzeitig der Sohn von Pluhar (weil sie ihn adoptiert hat) und ihr Enkel (weil ihre Tochter ihn zuvor adoptiert hatte).
Gab es noch einen Schicksalsschlag?
Leider ja. 1973 verließ die Pluhar André Heller für ihre dritte Liebe, den Schauspieler Peter Vogel. Der legendäre "Kottan"-Darsteller war suchtkrank und schied 1978 freiwillig aus dem Leben.* "Mit dem Wort Glück hab‘ ich wenig am Hut," sagte Pluhar inn einem großen Interview mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung 2011.

Wovon handelt das neue Buch "Spät aber doch"?
Es erzählt die Geschichte von Luisa Lansky, einer mitten in ihren 80ern befindlichen und seit Jahrzehnten in einer Grinzinger Villa alleinlebenden Frau. Sehr diszipliniert motiviert sie sich täglich zu einem Spaziergang. Eines Tages kommt Luisa in ihrer Gasse ein alter Mann entgegen, bleibt direkt vor ihr stehen und stellt sich als Heinrich Schober vor. Der Heinz, den sie vor 70 Jahren zuletzt gesehen hat.
Wie hat Heinrich sie erkannt?
Luisa hat als Sängerin und Autorin in der Öffentlichkeit immer noch eine gewisse Präsenz. Doch sie weiß gar nichts von ihm. Nur, dass er ihre erste Liebe war. Und dass er für sein Alter noch gut aussieht: dichtes weißes Haar, gerade Haltung, schlank, mit lebhaften Augen. Heinrich erzählt, dass er viel auf Reisen war und erst seit ein paar Jahren wieder in Wien lebt, ganz in ihrer Nähe. Sie tauschen Telefonnummern und Luisa lädt ihn ein, sie zu besuchen.
Was passiert beim ersten Treffen?
Drei Tage später kommt Heinrich zum Tee und die beiden beginnen, in alte Erinnerungen einzutauchen: An den ersten gemeinsamen Tanz in der Tanzschule, ein Slow Fox, wie Heinrich noch weiß. Und er erinnert sich, dass sie ein Mädchen ohne pubertäre Mätzchen war. An die ersten vorsichtigen, dann stürmischeren Küsse und wie beider Mütter die Teenager regelrecht bewacht hatten.

Wurde damals ein Liebespaar aus ihnen?
Nein, denn Luisa fühlte sich an dem Abend auf einer Party, als es dazu hätte kommen können, bedrängt. Bei einer Zigarette beschließen sie 70 Jahre später, dass jeder sich die Version des anderen in Ruhe anhört. Heinz hatte bereits sexuelle Erfahrung, Luisa nicht. Ihr Fazit: Sie hatte Angst gehabt, ihn weggestoßen und war einfach aus dem Haus gelaufen, mitten in der Nacht. Ihm war die Situation sehr peinlich, er hatte es nicht geschafft, am nächsten Tag mit ihr zu sprechen. Es war vorbei.
Und wie geht es jetzt weiter?
Nun, Mitte 80, sprechen sie darüber, wie sehr sie einander missverstanden hatten, wie jung und unerfahren sie in allem waren, damals. Im Buch liest sich das so: "Und jetzt sind wir zu alt", sagte Heinrich. Er blickte Luisa an. Ein plötzliches Lächeln entstand zwischen beiden. "Ja, Heinz", sagte Luisa dann, "jetzt sind wir zu alt."
Damit geht es aber nicht zu Ende?
Nein, Heinrich besucht Luisa weiterhin. Sie erzählen und befragen einander über vergangene Beziehungen und ihre Lebenswege. Es ist ein bisschen wie im neuen Glattauer, nur halt ohne Zug.

Worüber sprechen die beiden noch?
Im Lauf der Gespräche – immer bei Tee und am Nachmittag - wächst das Vertrauen, beide beginnen, auch über Altersleiden und Schwierigkeiten zu berichten. Heinz hat eine Herzschwäche, muss deshalb zwischendurch ins Krankenhaus zur Untersuchung. Luisa, die sehr stolz ist auf ihre eiserne Disziplin, gesteht, dass ihre Morgendepression sie an manchen Tagen am Aufstehen hindert. Auch ihrer beider Schicksalsschläge finden Platz. Er hat die Mutter seines Kindes, sie ihre Tochter verloren.
Welche Charaktere repräsentieren die Figuren?
Heinrich hat ein klassisches Macho-Leben hinter sich. Es gibt viele Frauen, die er eher benützt hat. Nur eine, behauptet er, habe er annähernd geliebt.
Und welcher Typ ist Luisa?
Luisa ist sehr autobiografisch angelegt. Sie ist wie die Pluhar Sängerin und Autorin, schreibt seit ewigen Zeiten Tagebücher. Hat wie die Pluhar ihr einziges Kind verloren, lebt wie die Pluhar seit Jahrzehnten allein. Hat sich immer wieder tapfer aufgerichtet und diszipliniert an ihren Ritualen festgehalten.
Wie liest sich das im Buch?
"Als liebe man stets nur die öffentlich bekannte Person und nie Luisa selbst. Also mich, nur Luisa, niemals erwachsen, mich mit meinen Gedanken, Sehnsüchten, Hoffnungen, Enttäuschungen, mit alldem, was das Leben ausmacht. Damit blieb ich in gewisser Weise allein. Mehr noch: einsam." Ein sehr schönes, wenn gleich traurig nachvollziehbares Zitat.

Wie reagiert Heinz darauf?
Zunächst ungläubig. Dann fragt er sie, wie es denn jetzt mit einer Liebe zwischen ihnen beiden wäre. Doch Luisa findet, dass es jetzt dafür zu spät wäre, sogar peinlich. Weil sie und ihre beiden Körper zu alt wären. Er protestiert. Wenn zwei Menschen einander in diesem Alter begegnen, das wäre doch eine Chance. Zum Abschied bittet er sie an diesem Nachmittag zum ersten Mal, sie umarmen zu dürfen, Luisa willigt ein. "Auch ein alter Körper kann fühlen", sagte Heinrich leise.
Will sie gar nichts mehr von Liebe wissen?
Sie sträubt sich vehement. Sie habe schon zu oft geliebt, erklärt sie. Und jetzt wären alle weg oder gestorben. Doch die Freundschaft zu Heinz möchte sie nicht mehr missen. Und er lässt nicht locker, er wünscht sich Liebe, Zärtlichkeit, ohne sich "sexuell abzuplagen", wie er es nennt. Schließlich verabreden sie sich zu einem Abendessen bei ihr im Haus.
Wie verläuft der Abend?
Luisa erschrickt bei ihrem Anblick im Spiegel, als sie ein Kleid anziehen will. Sie ist mager und ausgezehrt geworden. Also wird es doch wieder ein Art Hosenanzug, wie immer. Zum ersten Mal gibt es in der Geschichte Wein. Trotzdem landen sie wieder beim Alter. Aber sie tauschen auch einen Kuss aus und liegen gemeinsam auf der Couch. Nur einer in den Armen des Anderen. Luisa spricht ihre Ängste davor aus, miteinander zu schlafen. "Nichts zwingt uns zu irgendetwas", antwortet ihr Heinrich.
Was geschieht dann?
Heinrich muss ins Krankenhaus zu einer Mini-OP am Herzen. Als er sich am Tag nach der OP nicht meldet, setzen bei Luisa alte Mechanismen wieder ein: Sie wartet auf seinen Anruf, bangt um ihn, spürt Angst davor, wieder allein zu bleiben. Doch sie redet sich gut zu, Vertrauen zu haben und Zuversicht. Wenig später ruft er an und sagt "Ich liebe dich". Am nächsten Abend, als er zu ihr kommt, fällt die Begrüßung stürmisch aus.

Wagen sie den letzten Schritt?
Sie versuchen es, obwohl Luisa wieder äußert, sich vor Heinrich zu genieren, weil sie hässlich und mager wäre. Aber seine Haut wäre doch auch schrumpelig, erwidert er. Und wer sage denn, dass alt hässlich sei? Seinen Vorschlag, das Licht im Schlafzimmer nicht aufzudrehen nimmt Luisa gerne an …
Lohnt sich die Lektüre des Buches?
Zugegeben, zu Beginn hätte ich eher nein gesagt. Über längere Passagen ist die Lektüre etwas "gestelzt", wirkt der Dialog konstruiert. Dem Roman hätte es gutgetan, wenn etwas weniger aus der Autobiographie von Erika Pluhar drinstecken würde. Dennoch werden wichtige Themen und Gedanken verhandelt, die einen immer wieder erwischen.
Für das letzte Drittel lohnt sich das Buch aber. Denn wie diese beiden Menschen mit den Veränderungen und damit verbundenen Ängsten im hohen Alter umgehen, und dass sie sich überhaupt noch auf den Versuch miteinander einlassen, das macht Freude in seiner Zartheit und Mut zu eigener Lebensfreude. Allem zum Trotz.
"Spät, aber doch", von Erika Pluhar, Roman, 156 Seiten, eben erschienen, Residenz Verlag, 22 Euro
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Angela Szivatz ist Autorin ("Betrug und Liebe - die wahren Fälle einer Detektivin") Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für Newsflix schreibt sie über aktuelle Literatur. Angela Szivatz lebt in Wien. Ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" erscheint am 12. März und ist bereits vorbestellbar.