"Mit Hieb und Strich"

Warum dieses Krimi-Meisterwerk nur 6,20 Euro kostet

Spätestens seit der Verfilmung ihres Bestsellers "The Handmaid’s Tale" ist Margaret Atwood ein Weltstar. Nun legte sie ein zauberhaftes Miniaturstück vor. Drei alte Ladys killen serienweise Macho-Männer. Angela Szivatz hat "Hieb und Strich" gelesen.

Margaret Atwood ist mit 85 als Literatin und Feministin aktiv wie eh und je
Margaret Atwood ist mit 85 als Literatin und Feministin aktiv wie eh und je
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Angela Szivatz
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64 Seiten dünn, im Vergleich zu Atwoods großen Romanen mag mancher "Hieb und Strich" für eine "Fingerübung" halten. Dabei gelten die Kurzgeschichten der Autorin als besonders brillant beobachtete und formulierte Kleinodien. Was sie vom neuen Roman von Margaret Atwood wissen müssen:

Warum soll mir Margaret Atwood etwas sagen?
Weil Sie vermutlich zumindest ihr bekanntestes Werk kennen. "Der Report der Magd" wurde 1985 veröffentlicht und 1990 als "Die Geschichte der Dienerin" vom deutschen Regisseur Volker Schlöndorff verfilmt. Der Roman wurde in 40 Sprachen übersetzt.

Wodurch wurde das Buch so richtig populär?
Seit 2017 läuft die Geschichte als internationale Fernsehserie unter dem Titel "The Handmaid’s Tale – Der Report der Magd". Die Hauptfigur "Desfred" wird von der bekannten US-Filmproduzentin und Schauspielerin Elisabeth Moss ("The West Wing", "Mad Men") dargestellt. Atwood hat in einer Folge einen kleinen Gastauftritt.

Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für Newsflix. Ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" ist eben erschienen.
Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für Newsflix. Ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" ist eben erschienen.
Helmut Graf

Was machte "Der Report der Magd" zum Kultbuch?
Dazu muss man zumindest ein wenig über den Inhalt sagen. In diesem dystopischen Roman hat radioaktive, chemische und bakteriologische Verseuchung bei vielen Menschen zu Sterilität geführt. Mit den Söhnen Jakobs, einer christlich-fundamentalistischen Gruppierung, wird eine theokratische Diktatur eingerichtet, die Republik Gilead.

Was passiert in Gilead?
In der Diktatur wird insbesondere die Stellung der Frau neu definiert: Sie darf kein Eigentum besitzen, hat sich dem Mann vollkommen unterzuordnen, ihre Aufgabe ist es, Hausfrau zu sein, ihre Pflicht, Kinder zu gebären. Schon beim Erscheinen vor 40 Jahren traf das Buch bei Millionen einen Nerv.

Welche Bedeutung hat das heute?
Atwood hat 1985 ein Zukunftsbild der Vereinigten Staaten von Amerika entworfen, das gesellschaftlich aus dem 17. Jahrhundert stammt. Gleichzeitig scheint es auf dem besten Weg zu sein, sich in Realität zu verwandeln – zumindest in einigen Bereichen.

Was ist damit gemeint?
Laut PEN Club America waren 2022 in über 26 Bundesstaaten der USA und in 86 Schulbezirken 1.586 individuelle Werke verboten, die sich mit Rassismus, Geschlechterrollen oder sexueller Orientierung befassen oder von People of Color oder LGBTQ+-Autoren geschrieben wurden. In 19 Bundesstaaten wurde das Unterrichten bestimmter Inhalte verboten, etwa über soziale Ungleichheit, Sexualität oder historische Fakten.

Aktivistinnen, verkleidet als Figuren aus "The Handmaid's Tale", auf einer Demo für Abtreibung 2018 in Buenos Aires, Argentinien
Aktivistinnen, verkleidet als Figuren aus "The Handmaid's Tale", auf einer Demo für Abtreibung 2018 in Buenos Aires, Argentinien
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Gibt es noch weitere Ähnlichkeiten?
Ja, das wurde im letzten US-Wahlkampf sichtbar: In immer mehr US-Bundesstaaten gibt es Abtreibungsverbote, die Todesstrafe gilt. Frauenfeindliche Bewegungen wie die "Proud Boys" oder "Angry White Men" haben sich in den letzten Jahren verbreitet und Sprüche wie: "Your body my choice" sind sogar bis zu uns nach Österreich gelangt. Es zeigen sich Parallelen zwischen Gilead und der realen Welt.

So sieht es die Autorin selbst
In einem Aufsatz in der New York Times vom 12. März 2017 beschrieb Atwood den Entstehungsprozess ab dem Jahr 1984. Sie hatte anfänglich Zweifel, ob eine überzeugende Form daraus werden könnte.

Wie überwand sie die Zweifel?
Mit Disziplin. "Eine meiner Regeln war, dass ich keine Ereignisse in das Buch aufnehmen würde, die nicht bereits in dem, was James Joyce den 'Albtraum der Geschichte' nannte, geschehen waren, und auch keine Technologie, die nicht bereits verfügbar war. Keine imaginären Spielereien, keine imaginären Gesetze, keine imaginären Gräueltaten. 'Gott steckt im Detail', sagt man. 'Der Teufel auch.'"

Was ist die historische Vorlage?
Die Republik Gilead baut auf den puritanischen Wurzeln des 17. Jahrhunderts in den USA und der alttestamentarischen Geschichte von Jakob mit den beiden Frauen Rahel und Lea auf. Der Spiegel bezeichnete Atwood wegen ihrer negativen Utopie vom Großen Bruder Gilead als würdige Nachfolgerin Aldous Huxleys und George Orwells.

"Hieb und Strich“, Story von Margaret Atwood, 64 Seiten, Hardcover, Berlin Verlag, € 6,20
"Hieb und Strich“, Story von Margaret Atwood, 64 Seiten, Hardcover, Berlin Verlag, € 6,20
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Warum versuchte Atwood ihr Buch zu verbrennen?
Am 23. März 2022 wurde bei der PEN America Literary Gala in New York City unter dem Namen The Unburnable Book (Das unverbrennbare Buch) eine feuerfeste Ausgabe von "Report der Magd" vorgestellt. Atwood selbst ist in einem Video zu sehen, wie sie mit einem Flammenwerfer erfolglos das Buch zu verbrennen versucht. Damit sollte das Bewusstsein für diese Art von Zensur geschärft werden.

Gab es von "Der Report der Magd" eine Fortsetzung?
Ja, 2019 erschien "The Testaments" ("Die Zeuginnen"). Vor dem Erscheinen gab es viele Gerüchte. Der Verlag fürchtete wie bei Harry Potter, dass Inhalte vor dem Erscheinen geleakt würden.

Was muss ich über die Biographie von Margaret Atwood wissen?
Die kanadische Schriftstellerin wurde 1939 in Ottawa geboren und zählt zu den bedeutendsten Autorinnen der Gegenwart. Nach einem Studium der englischen Sprache und Literatur an der University of Toronto und dem Radcliffe College der Harvard University lehrte sie ab 1964 als Literaturwissenschaftlerin an verschiedenen Universitäten.

Verfasste Atwood ausschließlich Romane?
Nein, sie schrieb auch Essays, Kurzgeschichten, Lyrik und sogar Science-Fiction. Die heute 85-Jährige wurde unter anderem mit dem Booker Prize und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Am 23. März 2022 wurde bei der PEN America Literary Gala in New York City eine unverbrennbare  Ausgabe von The Handmaid’s Tale vorgestellt ...
Am 23. März 2022 wurde bei der PEN America Literary Gala in New York City eine unverbrennbare Ausgabe von The Handmaid’s Tale vorgestellt ...
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... Atwood selbst versuchte sie mit einem Flammenwerfer zu verbrennen – und scheiterte
... Atwood selbst versuchte sie mit einem Flammenwerfer zu verbrennen – und scheiterte
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Und wovon handelt nun "Hieb und Strich"?
Von einem Mordkomplott, das drei alte Damen an acht alten Herren begehen wollen. Oder neun? So genau wissen Myrna, Leonie und Chrissy das nicht aus dem Stegreif, aber es existiert eine Liste. Blöderweise verwaltet Fern diese Liste, die von den Racheplänen ihrer Freundinnen jedoch nichts wissen soll. Das Ränke schmiedende weibliche Triumvirat ist Atwood-Lesern schon aus ihrer Kurzgeschichtensammlung "Hier kommen wir nicht lebend raus" bekannt.

Was ist der Anlass der Mordpläne?
Sie wollen ihre Freundin Fern, die vierte im Bunde jahrzehntelanger Freundschaft, rächen. Als Fern begann, schriftstellerische Erfolge zu erlangen, begannen die acht Männer – oder neun – Ferns Romane derart zu verreißen, dass Fern sich schließlich kaum noch aus dem Haus wagte. Rädelsführer war dabei Humphrey Vacher, der von seinen Jüngern "der Hammer" genannt wurde. Es handelt sich dabei allesamt um jüngere Männer im Literaturbetrieb, die von ihm abhängig waren.

Was hatte ihn so erzürnt?
Dass Fern ihn nicht in eine Anthologie von Kurzgeschichten aufgenommen hatte. Und überhaupt, dass sie als Frau so viel erfolgreicher mit ihrem Schreiben geworden war. Ihre historischen Romane wurden fortan als "romantischer Schrott" und ihre Leser als "Schlampen und leicht zu übertölpelnde Teenagermädchen" desavouiert. Mehr als ein Jahr lang hatten die Männer Ferns Arbeit in über 36 Artikeln fertig gemacht, wie Myrna im Buch zusammenfasst. Deshalb die Rache für Fern, die nun im Rollstuhl sitzt und sich nie wehren konnte.

Yvonne Strahovski, Elisabeth Moss, Ever Carradine bei der Kanada-Premiere von "The Handmaid's Tale" 2022 in Toronto
Yvonne Strahovski, Elisabeth Moss, Ever Carradine bei der Kanada-Premiere von "The Handmaid's Tale" 2022 in Toronto
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Was machen die Hauptfiguren?
Es gibt wöchentliche Planungstreffen der drei bei Käse und Kräckern. Dazu Gin Tonic für die krebskranke, immer noch mondän auftretenden Leonie. Myrna nimmt Cola Light, um einen klaren Kopf zu bewahren. Sie ist die Chronistin der Erzählung und legt sehr viel Wert auf ihre Bildung. Ständig wirft sie mit Zitaten um sich. Chrissy trink Weiße Spritzer, war einmal Schauspielerin und achtet am meisten auf gendergerechte Sprache.

Wie wollen die Frauen denn nun morden?
Da werden viele Varianten evaluiert. Sollte man die Männer aus dem Fenster stoßen? Nein, das würde auffallen, wenn man mehr als drei ermordet hätte. Narzissenzwiebeln im Eintopf? Das wäre unauffällig, aber die Opfer sollen merken, dass es ihnen an den Kragen geht!

Was passiert dann?
Bei einem der wöchentlichen Besuche in Ferns Haus – alle drei wechseln sich damit ab – erfährt Myrna zwei Neuigkeiten: Erstens, dass Fern nach ihrer langen "Publikationsphobie" wieder einen Roman an ihren Verlag geschickt hat. Und zweitens, dass sich vier der Männer inzwischen bei Fern entschuldigt haben. Zwar nur privat, öffentlich wäre besser gewesen, aber immerhin. Nun wird beim nächsten Treffen der drei abgewogen. Sollen die fünf übrigen immer noch sterben und wenn ja, wie?

Weitere Evaluierung von Mordmethoden
Durch "Hinrichtung" mit einem Radio in der Badewanne – wird abgelehnt. Waffen kommen auch nicht in Frage, weil das Sehvermögen der alten Frauen nicht mehr das Beste ist. "Ich könnte sie durchbohren", meint Chrissy. Mit dem Florett, das nach einer Hosenrolle im Theater bei ihr geblieben war. "Dieser Kampf hat mir richtig Spaß gemacht! Mit Hieb und Strich!" "Das finde ich gut", erwidert darauf Leonie. "Man bringt jemanden um und zieht damit einen Strich unter die Sache." Voilá, der Titel des Buches ist gefunden.

Margaret Atwood mit ihrem Lebensgefährten Graeme Gibson, einem Ornithologen, er starb 2019
Margaret Atwood mit ihrem Lebensgefährten Graeme Gibson, einem Ornithologen, er starb 2019
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Was bewegt die Protagonistinnen noch?
Atwood lässt ihre Figuren in scharfsinnigen, bitterbösen Anmerkungen immer wieder Einblick in die ungerechten Geschlechter-Verhältnisse und die unterschiedlichen Rollen zwischen Männern und Frauen geben, auch im Wissenschaftsbetrieb. Dabei wird auch nicht an – großartig komischer und trocken formulierter – Selbstkritik gespart.

Wie geht die Geschichte aus?
Hey, das ist ein Krimi, wenn auch nur ein kurzer. Da ist Spoilern besonders streng verboten! Nur so viel sei verraten: Es geht mit überraschenden Wendungen und vergnüglich weiter bis zum Schluss.

Ist das Buch zu empfehlen?
"Hieb und Strich" ist sprachlich vom Feinsten, sehr pointierte und höchst vergnügliche Lektüre für Zwischendurch. Man muss es nicht gelesen haben, aber schaden kann es nicht😊

Wann gibt es wieder Stoff von Atwood?
Im November erscheint "Memoir" (bei Penguin Random USA), darauf darf man sicherlich gespannt sein!

"Hieb und Strich", Story von Margaret Atwood, 64 Seiten, Hardcover, Berlin Verlag, € 6,20

Angela Szivatz ist Autorin ("Betrug und Liebe - die wahren Fälle einer Detektivin") Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für Newsflix schreibt sie über aktuelle Literatur. Angela Szivatz lebt in Wien. Ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" ist eben erschienen.

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