"Keine Kleinigkeit"
Warum Kohlsprossen eine Ehe zur Hölle machen können
Gemeinsam alt werden als Paar, Glücksversprechen oder Hollywood-Mythos? In ihrem ersten Roman nähert sich Camilla Barnes der Beantwortung der Frage an. Mit Ernst, aber auch viel britischem Humor. Angela Szivatz hat "Keine Kleinigkeit" gelesen.

"Und sie lebten glücklich zusammen bis an ihr Ende", so klingen viele Märchen aus. "Bis dass der Tod euch scheidet", lautet die Schlussformel bei christlichen Trauungen. Zusammenleben, vor allem in der Langfassung, das ist jedenfalls "Keine Kleinigkeit". So lautet der Titel des Buches von Camilla Barnes, es ist ihr Romandebüt. Das müssen Sie über das Buch wissen:
Wer ist die Autorin?
Camilla Barnes wurde 1969 in England geboren, sie studierte in London Kunst und Design. Im Alter von 20 Jahren übersiedelte sie nach Frankreich, um in der Modebranche zu arbeiten. Doch schnell landete sie in Paris beim Theater, wo sie als Regisseurin, Produzentin und Bühnenbildnerin arbeitete.
Wann wechselte sie die Seiten?
Vor 10 Jahren begann sie, englische Stücke und Filme ins Französische zu übertragen und zu adaptieren. Sie schreibt auf Englisch und Französisch.

Moment, gibt es da nicht noch einen Barnes?
Ganz genau, Camilla ist die Nichte des englischen Literaten Julian Barnes. Seine Auszeichnungen aufzuzählen, würde eine A4-Seite füllen. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1990 mit "Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln". Unter dem Pseudonym Dan Kavanagh schrieb Julian Barnes auch Krimis. Seine Bücher wurden mehrfach verfilmt, etwa "The Sense of an Ending" 2017 mit Charlotte Rampling.
Wovon handelt das Buch von Camilla Barnes?
Im Mittelpunkt steht die über 50 Jahre andauernde Ehe von "Mum und Dad", den Eltern der knapp 50-jährigen Miranda. Sie beobachtet die beiden mit kritisch-spöttischem Blick und kann sich dennoch der Verantwortung nicht entziehen, mehrmals im Monat ein paar Tage bei ihnen zu verbringen.
Das war so nicht geplant, oder?
Nein, Miranda hatte sich von den Eltern befreien wollen, als sie knapp 30 Jahre zuvor nach Frankreich übersiedelt war, um Schauspielerin zu werden. Doch der Vater, Professor für Philosophie in Oxford, ging in Frührente, man kaufte ein Gutshaus mit 3 Hektar Grund in der französischen Provinz und übersiedelte ebenfalls ...
... und zwar mitsamt der prall gefüllten Tiefkühltruhe
Ja, sie spielt eine zentrale Rolle. Sie wurde zehn Tage nach der Ankunft in Frankreich geliefert. Die Mutter steckte das Gerät wieder an den Strom an und zwang ihren Mann, den Inhalt gemeinsam mit ihr leer zu essen.

Sind die Lebensmittel da nicht verdorben?
Experten würden sagen ja. Auf die Gefahren des ständigen Einfrierens, Auftauens, wieder Einfrierens machen auch alle Familienmitglieder aufmerksam. Doch Mum tut all die Einwände ab und alle essen, was auf den Tisch kommt, Punkt.
Das sagt viel aus, oder?
Ja, Widerspruch gegen Mum ist sinnlos, das thematisiert Miranda in ihren immer wieder eingestreuten E-Mails an die ältere, noch in England lebende Schwester Charlotte. Außerdem spottet sie über Mums leidenschaftliches Sammeln von praktisch Allem und klagt über Dads Nachgiebigkeit.
Das riecht nach Ehekrieg?
Zwischen der sehr bevormundenden Mutter und dem in Alltagsdingen unbeholfenen intellektuellen Vater, der sich echter Nähe verweigert, herrscht ein unerbittlicher, oft absurder Machtkampf. Schon der knackig kurze Prolog entlockt einem ein Lachen, wenn auch mit leichter Bitternote.
Woran erinnert uns das?
Bei älteren Lesern werden Assoziationen zu Loriots "Szenen einer Ehe" ebenso auftauchen wie Szenen aus dem gleichnamigen Film von Ingmar Bergman aus dem Jahr 1975. In "Keine Kleinigkeit" stehen gnadenlose Demütigungen auf der Tagesordnung, in britischem Humor verpackt natürlich.

Worüber streiten die beiden?
Eine inhaltliche Zusammenfassung würde diesem Buch nicht gerecht. Aber ein paar Highlights aus dem Zusammenleben müssen sein: Der Vater mag keine Kohlsprossen, also baut die Mutter sie an und serviert sie regelmäßig.
Wie reagiert er?
Er lässt das Gatter zum Gemüsegarten offen, seine beiden Lamas machen dem Gemüse den Garaus.
Was tut sie?
Er kümmert sich mehr um seine Lamas, Enten und Katzen als um seine Familie. Also beauftragt sie heimlich den Tierarzt, das männliche Lama zu kastrieren.
Wie antwortet er?
Er protestiert und spricht eine Woche nicht mehr mit ihr.
Was dann?
Die Mutter stört sich an einer Pflanzenranke, die ins Badezimmerfenster wuchert und überredet Miranda, die Pflanze komplett zurückzuschneiden, ohne ihr vom strikten Schnipsel-Verbot des Vaters zu erzählen. Und so weiter und so weiter …

Was passiert noch?
Die exzentrische Mutter setzt ihre Töchter immer wieder mit einem fiktiven Kind – James – unter Druck. Schwärmt davon, wie toll er alles mache, wie liebevoll er zu ihr wäre, wie sehr sie sich ein Beispiel nehmen könnten. Die Töchter vermuten, dass es sich wohl um nächtliche Träume der unzufriedenen Mutter handelt.
Warum nehmen sie das nicht ernst?
Miranda und Charlotte interessieren sich viel mehr für etwas, das den Eltern mal herausgerutscht war und "der Vorfall" genannt wurde. Doch was auch immer sie anstellen, sie bekommen keine Details dazu heraus. Bis die Mutter wegen eines künstlichen Hüftgelenks operiert wird. In Folge der Narkose tauchen aus dem Nichts alte Themen in ihren Gesprächen auf.
Wie reagieren die Töchter?
Sie rätseln herum, suchen nach "Beweismaterial", bohren bei der geringsten Chance nach: Wer war Kitty? Was war das mit dieser Barbara? Miranda und Charlotte ziehen ihre Schlüsse, auch ohne je klare Antworten zu bekommen. Sie machen sich über die Eltern lustig, bis sie sich gewahr werden, dass sie sie Nächsten sein werden, denen das blüht, alt und verschroben zu sein, unverstanden von der nächsten Generation.
Warum passt der Originaltitel besser dazu?
auf Englisch heißt das Buch "The Usual Desire to Kill". Der übliche Wunsch zu töten, bezieht sich nicht allein auf das alte Ehepaar untereinander.

Sondern?
Wie sich im Lauf der Story herausstellt, auch für Miranda. Sie erweist sich als verschlagen und lässt keine Gelegenheit aus, in ihren E-Mails an die Schwester, die alternden Eltern in ihrer Skurrilität vorzuführen und bloßzustellen. Der Titel passt zeitweise auch für die Beziehung von Charlotte und Miranda, wenn sie einander persönlich begegnen. Da poppen alte Rivalitäten und neue Eifersuchten auf.
Was fällt am Aufbau des Buches auf?
Miranda ist die hauptsächlich Erzählende der Story, ab und zu wechselt die Erzählstimme aber auch zu ihrer 20-jährigen Tochter Alice. Dazu kommen theatrale Einsprengsel und Tagebuchpassagen, sie geben dem Roman eine ungewohnte Form.
Was hat es mit den Tagebucheintragungen auf sich?
Die Tagebuchpassagen aus den frühen 1960er-Jahren geben Einblick in die Anfänge der Ehe zwischen Mum und Dad und machen gesellschaftliche Veränderungen seit damals deutlich. Sie fungieren auch als Schlüssel zu zentralen Fragen innerhalb dieser Familie: Wem vertraut man etwas an? Was hält man geheim, aus Angst oder Scham?

Zum Beispiel?
Die Beziehung zwischen der Mutter und ihren beiden Töchtern wäre ganz anders verlaufen, wenn Miranda und Charlotte die Wahrheit über James gewusst hätten. Oder man bewahrt Geheimnisse, wie der Professor es am Ende des Buches seiner Enkeltochter Alice erklärt, um durch geheimes Wissen Macht über die anderen zu erlangen.
Was sagt die Autorin selbst über ihren Roman-Erstling?
Für den Verlag gab Barnes Interviews, in denen sie über ein zentrales Element ihres Buches sprach: "Wir beurteilen andere auf Grund von falschen oder lückenhaft erinnerten Ereignissen und unvollständigem Wissen und sind dabei überzeugt, dass wir recht haben und die anderen sich irren."
Wie entstand das Buch?
"Keine Kleinigkeit" war zunächst ein Bühnenstück, Barnes war damit unzufrieden, erweiterte dann die Dialoge, bis alles schließlich in einem Roman mündete. In Gedanken beschäftigte sich die Autorin 15 Jahre lang mit dem Stoff, die vorliegende Form schrieb sie dann in einem Monat fertig.

Was ist ungewöhnlich?
Der Vater wird gegen Ende dieses Buchs zweimal namentlich erwähnt. Doch die Mutter wird im gesamten Buch nie beim Namen genannt, wie sie selbst einmal feststellt: "Welche Rolle spiele ich? Ich heiße seit fünfzig Jahren Mum, nicht anders." Diese Entpersonalisierung zwischen Eheleuten deckt sich mit Alltagsbeobachtungen. Wer von uns kennt nicht eine Familie, wo es nur noch Vati und Mutti, Mama und Papa gibt?
Ist das Buch eine Empfehlung wert?
Allemal! Camilla Barnes ist eine großartige Beobachterin und Schreiberin. Sehr gekonnt spannt sie den Bogen von einer Komödie, die uns am Beginn herzhaft lachen lässt, bis zur Tragödie, die sich allmählich herausschält und sichtbar wird. Very british in ihrem Humor, der Trockenheit und Schärfe, grotesk und gleichzeitig sehr menschlich. Denn das Buch handelt auch von der Unfähigkeit, sich für einen anderen Weg zu entscheiden als den ursprünglich begonnenen. Aus Sturheit, aus Trotz oder Stolz.
"Keine Kleinigkeit" von Camilla Barnes, Roman, 253 Seiten, erschienen im Piper Verlag, € 25,50
Angela Szivatz ist Autorin ("Betrug und Liebe - die wahren Fälle einer Detektivin") Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für Newsflix schreibt sie über aktuelle Literatur. Angela Szivatz lebt in Wien. Ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" ist eben erschienen.