ernüchterung

Neue Studie: Der Alarmschrei aus 141 Kindergärten

Vor allem türkische Kinder bleiben am liebsten unter sich, deutsch-sprechende verlernen ihr Deutsch, Schulreife ist oft nur "ein Traum". Eine neue Studie deckt auf, wie Österreichs Kindergärten an der Integration verzweifeln. Niki Glattauer hat sie gelesen.

Eine neue Studie, für die Kindergärten in 4 Bundesländern unter die Lupe genommen wurden, bescheinigt der Migration einen sehr negativen Einfluss auf die Qualität der Kinderbetreuung
Eine neue Studie, für die Kindergärten in 4 Bundesländern unter die Lupe genommen wurden, bescheinigt der Migration einen sehr negativen Einfluss auf die Qualität der Kinderbetreuung
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Niki Glattauer
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Österreichs neuer Bildungsminister Christoph Wiederkehr von den Neos will die Elementarpädagogik, sprich den Kindergarten, also zur "Chefsache" machen. Gelingen soll das über die nächste 15a-Vereinbarung mit den Ländern, die nunmehr vom Unterrichts- und nicht mehr vom Familienministerium verhandelt wird. Ich behaupte: Das ist ein Geniestreich der neuen Regierung.

Der Kindergarten für alle Denn in der Theorie sind sich nämlich alle darin einig, dass:
1. Bereits im Kindergarten die soziale Integration aller Kinder aller Schichten aller Herkunftsländer zu erfolgen hat;
2. Bereits dort jenen, die es brauchen, Deutsch beigebracht werden muss;
3. Bereits dort die Eltern ins Bildungs-Boot geholt werden müssen.

Dass aber all das bis dato eben genau nicht geschieht, zeigt eine Befragung der Leiterinnen und Leiter von 141 Kindergärten, die 2024 abgeschlossen und jetzt veröffentlicht worden ist.

Neo-Bildungsminister Christoph Wiederkehr will als eine der ersten Amtshandlungen die Elementarpädagogik – sprich die Kindergärten – zur Chefsache machen
Neo-Bildungsminister Christoph Wiederkehr will als eine der ersten Amtshandlungen die Elementarpädagogik – sprich die Kindergärten – zur Chefsache machen
HANS KLAUS TECHT / APA / picturedesk.com

Da verschlug es mir die Sprache Übermittelt wurde mir die Zusammenfassung der Ergebnisse vom Projektleiter der Studie, Professor Mag. Dr. Bernhard Koch vom Institut für Elementarpädagogik an der PH Tirol, auf 40 Seiten und mit dem schlanken Hinweis: "Ich denke, die Meinung von Kindergartenleitungen, die in Kindergärten mit mehrheitlich Kindern nicht-deutscher Erstsprache tätig sind, ist vielleicht nicht uninteressant." Tatsächlich hat es mir die Sprache verschlagen.

Vier-Bundesländer-Studie Die Studie bildet die Situation in Oberösterreich, der Steiermark, Tirol und Vorarlberg ab. In diesen Bundesländern befinden sich knapp die Hälfte aller 7.500 Kindergärten und Krippen des Landes. Fokussiert wurde mit Fragebögen auf jene knapp 300 Kindergärten in diesen vier Bundesländern, in denen der Anteil der Kinder mit nicht-deutscher Familiensprache bei über 50 Prozent liegt. Die "Hauptergebnisse" der Studie beziehen sich, bei einer Rücklaufquote von knapp 50 Prozent, also auf 141 Kindergärten mit insgesamt 12.000 Kindern in 500 Gruppen.

Niki Glattauer ist als ehemaliger Schuldirektor in Wien Experte in Bildungsfragen
Niki Glattauer ist als ehemaliger Schuldirektor in Wien Experte in Bildungsfragen
Sabine Hertel

Dritte Generation - Kein Wort Deutsch Betitelt ist die Studie wenig marktschreierisch mit: "Migration und Kindergärten in Österreich – Herausforderungen aus der Sicht von Kindergartenleitungen". Umso erschütternder die Essenz, die sich (auch) in den freien Statements der Leiterinnen* findet. So formulierte eine dieser Leiterinnen, bezogen auf die türkische Community in ihrer Einrichtung: "Die sind in dritter Generation da, da könntest du weinen, weil die kommen rein, reden wie du und ich, und das Kind kann kein Wort Deutsch." Eine andere resignierend: "Unser Ziel ist es schon lange nicht mehr, die Kinder 'schulreif' zu machen …"

Österreichische Kinder kommen in diesen Kindergärten unter die Räder.
Eine der Schlussfolgerungen aus der Kindergartenstudie

Erschütterndes Fazit Die ernüchternde Conclusio der Studienleiter**: "Kindergärten mit mehrheitlich Kindern nicht-deutscher Erstsprache sind aktuell nicht imstande dazu beizutragen, die steigende Zahl der Kinder mit Kompetenzschwächen in sprachlichen, kognitiven und sozialemotionalen Bereich zu senken."

Zwischen den Zeilen ist sogar das Gegenteil herauszulesen: Österreichische Kinder kommen in diesen Kindergärten unter die Räder.

"Orientierungsklassen" kommen: Die Minister Christoph Wiederkehr und Claudia Plakolm, Staatssekretärin Michaela Schmidt
"Orientierungsklassen" kommen: Die Minister Christoph Wiederkehr und Claudia Plakolm, Staatssekretärin Michaela Schmidt
Helmut Graf

Wie das? In knapp 60 der insgesamt 141 Kindergärten beträgt der Anteil der Kinder mit deutscher Erstsprache weniger als 20 Prozent. Da reden wir von 2.400 autochthon österreichischen Kindern, die in den untersuchten Kindergärten eine "ausgeprägte Minderheit" (so die Bezeichnung in der Studie) darstellen. Mit der Folge, dass sich ihr Sprachstand durch den Kindergartenbesuch sogar "eher zu verschlechtern" drohe (eine Leiterin: "Es ist frustrierend, dass Kinder, die gut Deutsch sprechen, in ihrer Förderung zurückstehen müssen, da wir das Niveau der Bildungsangebote reduzieren müssen.") Die Studie zeige daher "auch eine Forschungslücke auf".

Nämlich diese: "(…) Inwiefern ist die Minderheit der Kinder mit deutscher Erstsprache (…) im Vergleich zu Kindern mit deutscher Erstsprache, die einen Kindergarten mit mehrheitlich Kindern ohne Migrationshintergrund besuchen, benachteiligt – insbesondere, was den Erwerb der Bildungssprache und die Schulreife anbelangt."

Die Leiterinnen von insgesamt 141 Kindergärten mit zusammen 12.000 Kindern wurden befragt
Die Leiterinnen von insgesamt 141 Kindergärten mit zusammen 12.000 Kindern wurden befragt
HANS KLAUS TECHT / APA / picturedesk.com

Zahlen und Fakten, Sorgen und Nöte im Detail

Migrations-Konzentration Von den insgesamt 141 Kindergärten aus dieser Studie haben 82 Prozent einen Anteil an Kindern nicht-deutscher Erstsprache von mehr als 60 Prozent. In fast einem Viertel davon liegt der Anteil gar bei  90 bis 100 Prozent.

Die vorherrschenden "Fremd"-Sprachen in österreichischen Kindergärten sind BKS (Bosnisch-Kroatisch-Serbisch) und Türkisch.
Dabei zeigen sich hohe Konzentrationen der jeweiligen Sprachgruppe: In 22 Kindergärten sprechen mehr als 20 Kinder BKS, in 10 Kindergärten mehr als 30.

Bei Türkisch als Erstsprache ist die Konzentration noch höher: In 33 Kindergärten werden mehr als 20 Kinder mit türkischer Erstsprache betreut, in 14 Kindergärten mehr als 30.

"Türken-Kindergarten" bereitet Sorge Die Dominanz einer einzelnen nicht-deutschen Erstsprache steht dann auch ganz oben im Ranking der "Probleme" für Kindergartenleiter. Eine Leiterin beklagt, dass ihr Kindergarten von Eltern deutschsprachiger Kinder als "Türken-Kindergarten" bezeichnet werde, eine andere, dass es "Gruppen gibt, wo sie nur ihre Sprache sprechen".

Kinder mit einem österreichischen Elternhaus kämen im Kindergarten zunehmend unter die Räder, wird beklagt
Kinder mit einem österreichischen Elternhaus kämen im Kindergarten zunehmend unter die Räder, wird beklagt
HANS KLAUS TECHT / APA / picturedesk.com

Das Sorgen- und Probleme-Ranking

Konkret stimmten jeweils mehr als 90 Prozent der befragten Kindergartenleiterinnen folgenden Aussagen zu:

Es ist in meiner Einrichtung ein Problem, dass …
… manche Kinder wenig Kontakt zu Kindern mit Deutsch als Erstsprache pflegen;
… Eltern, die Deutsch sprechen können, mit ihren Kindern dennoch kaum Deutsch sprechen;
… manche Eltern selten aus deutsch- oder zweisprachigen Bilderbüchern vorlesen;
… manche Eltern wenig Kontakt zu deutschsprachigen Eltern haben;
… manche Eltern nicht wissen oder wahrhaben wollen, dass sie selbst eine wichtige Rolle beim Deutschlernen einnehmen.

Mehr als 60 Prozent halten es für problematisch, dass …
… sich in meinem Kindergarten überproportional viele Kinder mit derselben nicht-deutschen Erstsprache innerhalb einer Gruppe befinden.

Mehr als 50 Prozent der Leitungen halten es in ihrem Kindergarten für problematisch, dass …
… verhältnismäßig viele Kinder mit nicht-deutscher Erstsprache wenig Zeit im Kindergarten verbringen.

Vor allem bei Zuwanderern aus dem arabischen und türkischen Raum ist die Sprachentwicklung der Jüngsten mangelhaft, so die Kindergarten-Studie
Vor allem bei Zuwanderern aus dem arabischen und türkischen Raum ist die Sprachentwicklung der Jüngsten mangelhaft, so die Kindergarten-Studie
Willfried Gredler-Oxenbauer / picturedesk.com

Zu spät, zu selten, gar nicht Aufgrund der beschriebenen Probleme befragt, was auf Seiten der Eltern bzw. der Kinder den Kindergartenleitern Sorgen bereite, verursachen "die mangelnden Deutschkenntnisse der Eltern – trotz teilweise langer Aufenthaltsdauer in Österreich" – die größten Sorgenfalten.

Weiters beklagen die Leiterinnen …
… einen "zu späten Einstieg" in den Kindergarten;
… "zu seltenen" Besuch ("nur vormittags"),
… die mangelnde Unterstützung zu Hause ("Eltern fördern ihre Kinder zu wenig");
… den geringen Wert der deutschen Sprache ("zu wenig Interesse der Familien an der deutschen Sprache");
… und den Umstand, dass es für diese Kinder keine oder falsche Sprachvorbilder gebe: "Eltern leben oft schlechtes Deutsch vor."

Kampf ums Brauchtum In diesem Zusammenhang gaben auch mehr als zwei Drittel der Befragten an,
… dass "es mich betrübt, wenn ich merke, dass regionales, traditionelles Brauchtum an Bedeutung in meinem Kindergarten verliert" ("eher ja" – 36 Prozent, "ja, sehr" – 33 Prozent).

Und drei Viertel stimmt gleichzeitig der Aussage "Meiner Einrichtung ist es wichtig, den Kindern österreichische Werte und Brauchtum aus Österreich zu vermitteln" "sehr" oder "eher" zu.

Die Vermittlung regionalen Brauchtums verliere im Kindergarten an Bedeutung, so ein weiteres Ergebnis der Studie
Die Vermittlung regionalen Brauchtums verliere im Kindergarten an Bedeutung, so ein weiteres Ergebnis der Studie
Wolfgang Weinhäupl / Westend61 / picturedesk.com

Kommt drauf an, woher Hinsichtlich der Entwicklungschancen der Kinder, korrelieren diese "Sorgen" auffällig mit bestimmten Herkunftsländern. So machen sich 52 Prozent der Kindergartenleiterinnen "Sorgen um die Entwicklung" bei Familien, die "aus dem arabischen / afrikanischen Raum eingewandert" sind, sogar 57 Prozent der Leiterinnen, wenn die Familien aus der Türkei stammen. Hingegen sorgen sich nur knapp 12 Prozent bei Familien aus Ex-Jugoslawien und gar nur 10 Prozent bei Chinesen oder Phillippinos.

Personal kann nicht mehr Deutsch … Auf Kindergartenebene, so heißt es in der Zusammenfassung der Studie, bereite es die größten Sorgen, dass es "zu wenig Personalressourcen für eine individuelle Förderung" gäbe und dass es mitunter "kaum mehr Personal gebe, das die deutsche Sprache ohne gröbere Fehler beherrsche".

… und spricht es mit den Kindern auch nicht Ambivalent werde Betreuungspersonal gesehen, das die Erstsprache der Kinder spricht. Einerseits betrachten es viele Kindergartenleitungen zu Beginn als Vorteil "mehrsprachige" Mitarbeiter zu haben, andererseits werde dieses Asset zum Fallstrick, "wenn sich die Assistenz-Kraft dazu verleiten lässt, die Kommunikationen mit dem Kind bevorzugt in der gemeinsamer Erstsprache" zu führen.

Wenn Kinder von Zuwanderern im Kindergarten in ihrer Muttersprache betreut werden, ist das nur auf den ersten Blick von Vorteil
Wenn Kinder von Zuwanderern im Kindergarten in ihrer Muttersprache betreut werden, ist das nur auf den ersten Blick von Vorteil
Uwe Anspach / dpa / picturedesk.com

Freihändige Kritik

Zu einigen Fragen wurden die Leitungen gebeten, ihre Antworten in kurzen eigenen Texten zu formulieren. Aus diesen Texten:

"Die fehlende Anerkennung der Arbeit (…) führt zur Frustration und Motivationsverlust (…). Die Kinder kommen mit so wenig Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Kindergarten, dass sie größtenteils mit sechs Jahren noch nicht schulreif sein können, da in drei Jahren Kindergarten nicht alles aufgeholt werden kann."

"Die Herausforderungen im Alltag haben sich enorm gesteigert, es ist nicht nur die Sprachförderung, dazu kommen noch Erziehungsaufgaben, die von zu Hause nicht eingefordert werden, Sauberkeitserziehung, Kommunikation mit Eltern per Übersetzer etc."

"Auch Familien mit Migrationshintergrund bevorzugen Einrichtungen, wo mehr Familien aus dem gleichen Kulturkreis sind. Bei uns in der Gemeinde gibt es zwei Kindergärten. Bei uns sind alle (!) mit Migrationshintergrund und eher mäßigen Deutschkenntnissen und diese wollen nicht in die andere Einrichtung. In der anderen Einrichtung sind nur Familien mit Deutsch als Muttersprache und jenen mit bereits sehr guten Deutschkenntnissen und diese Familien wollen nicht in unsere Einrichtung."

Aufgrund der Umstände kommt es zunehmend zu einer Trennung zwischen Kindergärten für Deutsch-Muttersprachler und Kindergärten für anderssprachige Kinder
Aufgrund der Umstände kommt es zunehmend zu einer Trennung zwischen Kindergärten für Deutsch-Muttersprachler und Kindergärten für anderssprachige Kinder
Tobias Steinmaurer / picturedesk.com

"Derzeit leidet die Qualität massiv, da wir alle überlastet sind und schön langsam ausbrennen."

"Für das Team ist es schwer, mit so vielen nicht-deutschsprachigen Eltern und Kindern zu arbeiten. Trotz Übersetzungs-Apps, Brückenbauprojekten … gibt es viele Missverständnisse, Wertigkeiten, Einstellungen, … die einfach nicht zusammenpassen. Wir haben wenige Kinder, die deutsch sprechen und auch für diese ist es nicht gut, sprachlich in der Minderheit zu sein."

"Sehr schlecht finde ich, wenn vom Dienstgeber vorgegeben wird, auf gewisse kulturelle Feste (…) zu verzichten, da es genau hier wichtig wäre, den Eltern unsere kulturellen Werte in Österreich näher zu bringen (…). Wer hier leben möchte, muss sich der landeseigenen Kultur und deren Werten anpassen, nicht umgekehrt."

Was die Entwicklungschancen von Kindern mit chinesischem Migrationshintergrund betrifft, bestehen keine Sorgen, hier funktioniert die Integration
Was die Entwicklungschancen von Kindern mit chinesischem Migrationshintergrund betrifft, bestehen keine Sorgen, hier funktioniert die Integration
Shi Yalei Xinhua / Eyevine / picturedesk.com

Für manche ist das Glas leer … Aus den Aussagen vieler Kindergartenleiter lassen sich Frustration und Resignation herauslesen:
Es sei "keine Besserung der positiven Einstellung zur Zweitsprache erkennbar".

Vor allem Familien aus der Türkei würden sich weniger integrieren wollen, "die Größe ihrer Community ist ausreichend.
Manchmal wird der Patriotismus zum Herkunftsland so stark gelebt, dass Integration nicht möglich ist"
.
Eine Kindergartenleitung schreibt, dass "ich beobachte, dass viele türkische Familien die deutsche Sprache ablehnen und es ganz schwierig ist, die Mütter zu erreichen".

… für manche (noch) nicht Doch es gibt auch positive Statements:
"Auch wenn es oft schwierige Zeiten und Phasen gibt, ist es trotz all dem ein toller Job, und ich möchte keinen anderen machen."
"Für mich macht es keinen Unterschied, welche Herkunft die Kinder haben. Die Kinder sind für uns eigentlich immer das beste Vorbild – sie sind unvoreingenommen und betrachten und behandeln auch jedes Kind gleich."

"Wenn man für die andere Herkunft des Gegenübers Verständnis zeigt und man auch die Gepflogenheiten der jeweiligen Volksgruppe kennt, kann man viele Vorurteile abbauen."

Bei vielen der befragten Kindergartenleitern überwiegt – noch – das Positive, aber die Stimmung droht zu kippen
Bei vielen der befragten Kindergartenleitern überwiegt – noch – das Positive, aber die Stimmung droht zu kippen
Malte Ossowski / dpa Picture Alliance / picturedesk.com

Schlussfolgerungen und Empfehlungen

Dafür beziehen die Studienleiter das jüngste Zahlenmaterial der Statistik Austria mit ein. Ein Vergleich der Anteile der Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft in den EU-Ländern zeige, dass Österreich, nach Luxemburg, Malta und Zypern, mit 17 Prozent den vierthöchsten Anteil in der EU aufweise.

Zum Vergleich: Deutschland 13 Prozent, Slowenien und Italien 8 Prozent, Tschechien 5 Prozent, Ungarn 2 Prozent, Slowakei 1 Prozent.

Leider schlechter gebildet In fast allen EU-Ländern sei der Anteil der niedrig Qualifizierten bei den Zugewanderten deutlich höher als bei jenen, die im Inland geboren sind. Der Bericht "Migration und Integration" (Statistik Austria, 2024) zeige, dass bei 25- bis 65-jährigen Migranten knapp ein Viertel (24 Prozent) maximal einen Pflichtschulabschluss aufweisen würde, bei Zuwanderern aus der Türkei sogar rund 55 Prozent. Bei Personen ohne Migrationshintergrund seien es nur 13 Prozent.

Das Bildungs-Paradoxon Der in der Regel niedrige (Aus-)Bildungsstand von Migranten wirke sich im Zusammenspiel mit der Wohnortsegregation aber fatal in Österreichs Kindergärten aus. Während die Gesellschaft gerade in die elementaren Bildungseinrichtungen große Hoffnungen setze, die Bildungsungleichheiten zu verringern, scheine "die Realität eher so zu sein, dass diese Einrichtungen dazu beitragen, die Bildungskluft zu vergrößern".

Österreich hat mit 17 Prozent den vierthöchsten Anteil von Menschen mit nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft in der EU
Österreich hat mit 17 Prozent den vierthöchsten Anteil von Menschen mit nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft in der EU
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Drei (von vielen) Empfehlungen für Gegenmaßnahmen

Mischen, aufteilen, einteilen "Solange sich Eltern den Kindergarten aussuchen können (z. B. über Wohnortwechsel, Privateinrichtungen etc.), werden in der Regel Kindergärten mit der größten kulturellen Nähe ausgesucht. Dies gilt für Eltern mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen", schreiben die Studienautore – und wirke sich gleichermaßen negativ aus. Je dominanter eine Fremdsprache bzw., je mehr Kinder in ihrer gemeinsamen nichtdeutschen Muttersprache miteinander sprechen, desto geringer der Stellenwert der deutschen Sprache als einigendes Band. Und: Desto mehr Ausgrenzungs-Erfahrungen machen deutschsprachige Kinder.

Eltern fordern Das Forschungsteam empfiehlt, die Ressourcen für Kindergärten mit großer sprachlicher und kultureller Vielfalt und niedrigem sozioökonomischen Status der Eltern zu erhöhen, die Angebote für Familien generell zu erweitern und gleichzeitig jene Familien zu fordern, "die sich der Sprache und Kultur der Mehrheitsgesellschaft in unangemessener Weise verschließen".

Experten-Empfehlung: Mehr finanzielle Ressourcen für Kindergärten mit großer sprachlicher und kultureller Vielfalt
Experten-Empfehlung: Mehr finanzielle Ressourcen für Kindergärten mit großer sprachlicher und kultureller Vielfalt
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Deutsch fördern "Genauer in den Blick" sollte eine verpflichtende frühe Deutschförderung für dreijährige Kinder genommen werden. Es müsse sichergestellt werden, "dass Kinder mit anderen Erstsprachen die Mehrheitssprache Deutsch möglichst früh und spätestens mit drei Jahren lernen können."

Besonders hoch sei der Sprachförderbedarf (laut Statistik Austria, 2018) bei türkisch- (80 Prozent), persisch- und arabisch- (je 78 Prozent), und tschetschenisch-sprachigen Kindern (75 Prozent). Kinder mit slowakischer (56 Prozent) oder polnischer Muttersprache (55 Prozent) hätten einen deutlich geringeren Förderbedarf.

Den größten Sprachförderbedarf gibt es laut Statistik Austria bei Kindern mit türkischem, persischem und tschetschenischem Hintergrund
Den größten Sprachförderbedarf gibt es laut Statistik Austria bei Kindern mit türkischem, persischem und tschetschenischem Hintergrund
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"Mein eigenes Kind bitte nicht" Wie schlecht bestellt es die befragten Kindergartenleitungen um die Qualität "ihres" Kindergartens sehen, zeigt ein letztes Detail. Auf die Frage, wie gern sie ihr eigenes Kind in "ihrem" Kindergarten wüssten, antwortete fast jede Dritte (30 Prozent) "eher nicht" oder "gar nicht gern" …

* Wie stets, verwende ich die weibliche und männliche Form willkürlich wechselnd, alle anderen sind jeweils freundlich mit gemeint

** HS-Prof. Mag. Dr. Bernhard Koch von der PH Tirol (Projektleiter) und Prof. Mag. Thomas Wahlmüller von der PH Oberösterreich

Nikolaus "Niki" Glattauer, geboren 1959 in der Schweiz, lebt als Journalist und Autor in Wien. Er arbeitete von 1998 an 25 Jahre lang als Lehrer, zuletzt war er Direktor eines "Inklusiven Schulzentrums" in Wien-Meidling. Sein erstes Buch zum Thema Bildung, "Der engagierte Lehrer und seine Feinde", erschien 2010

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