neu im Kino

7 Gründe, wieso dieses Schneewittchen hinter den 7 Bergen bleiben sollte

Ein feministisches Latina-Schneewittchen, diverse Zwerge und eine Israel-Palästina-Kontroverse zwischen den Hauptdarstellerinnen: Die Realverfilmung von Disneys Zeichentrick-Klassiker war schon im Vorfeld von Skandalen gebeutelt. Was man darüber wissen muss.

Rachel Zegler als Latina-Schneewittchen in Disneys neuester Realverfilmung: "Schneewittchen" läuft seit 20. März in den heimischen Kinos
Rachel Zegler als Latina-Schneewittchen in Disneys neuester Realverfilmung: "Schneewittchen" läuft seit 20. März in den heimischen Kinos
DISNEY
Christian Klosz
Akt. Uhr
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"Bringen Sie eine Kotztüte mit!" – Die britische Presse, hier in Form der altehrwürdigen und vornehmen Londoner Times, war immer schon gnadenlos, wenn es etwas zu kritisieren galt. Aber die brachiale Vehemenz, mit der die Neuadaption von Walt Disneys Zeichentrickfilm-Klassiker "Schneewittchen" aus dem Jahr 1937 gerade rund um den Globus in den Boden getreten wird, geht weit über das normale Maß einer schlechten Filmkritik hinaus.

Kritik an "der Welt, wie sie ist" Hier wird wohl vielmehr der Stab gebrochen über einer ganzen Reihe von gesellschaftlichen wie künstlerischen Entwicklungen, die einander oft widersprechen und die für eine immer größere Zahl an Menschen nur mehr schwer zu durchschauen – geschweige denn zu verstehen – sind. Dass das ausgerechnet an einer eigentlich harmlosen Märchenadaption geschieht, hat sich der Mäuse-Konzern allerdings über weite Strecken auch selbst zuzuschreiben, wie die Chronologie der Ereignisse zeigt.

Hinter den 7 Bergen … Die 7 (animierten) Zwerge auf dem Weg zur Arbeit
Hinter den 7 Bergen … Die 7 (animierten) Zwerge auf dem Weg zur Arbeit
©Walt Disney Co. / Everett Collection / picturedesk.com

Fortsetzungen und Adaptionen Während das kreative Potenzial des Disney-Konzerns (2024 hatte man 91 Milliarden Dollar Umsatz) schon seit geraumer Zeit eher brach liegt, setzte Disney zuletzt vor allem auf Fortsetzungen vorangegangener Erfolge, den Zukauf von Produktionsfirmen und Franchises (wie Marvel oder die Star Wars-Filme und -Serien) und sogenannte Live Action-Adaptionen, also Realverfilmungen seiner alten Zeichentrickfilm-Klassiker. Und gerade Letztere sorgen immer wieder für Ambivalenz und Diskussionen.

Erfolgreiche Aufgüsse Ob und warum gerade diese Aufgüsse nötig waren und sind, erschließt sich vor allem Filmfreunden nicht auf den ersten Blick. Doch das (finanzielle) Kalkül dahinter ist klar. Disney möchte sowohl älteres Publikum, das mit den Zeichentrickfilmen aufwuchs, als auch neue, junge Zuschauer zu ködern. 22 Filme wurden so bereits auf die Leinwand gebracht (inklusive Fortsetzungen wie etwa zuletzt "Mufasa: Der König der Löwen"), "Schneewittchen" ist Aufguss Nummer 23.

Das ehemalige israelische Topmodel Gal Gadot als Böse Königin vor dem sprechenden Spiegel
Das ehemalige israelische Topmodel Gal Gadot als Böse Königin vor dem sprechenden Spiegel
DISNEY

"Heutige" Zugänge Um vor allem die jüngere, nicht nostalgische Zielgruppe zu erreichen, wurden viele der neueren Disney-Produktionen inhaltlich "modernisiert": Schlagworte wie Feminismus, Diversität und Political Correctness dienten dabei als Orientierungspunkte für die Neuausrichtungen. Für viele wichtige Anliegen, aber die Kompromisslosigkeit, mit der Disney dabei teilweise vorging, stieß nicht wenige Zuschauer vor den Kopf.

"Attitude" vor Qualität So wurde in den letzten Jahren immer weniger über die Inhalte oder gar die filmische Qualität neuer Disney-Produktionen diskutiert. Dafür aber immer mehr über eine (vermeintliche) "politische Agenda" des Konzerns (Stichwort "Wokeism") und über die Grenzen für Political Correctness in Filmen an sich.

Beugt sich Disney Trump? Entsprechend neugierig blickt die Kinowelt derzeit auch nach Hollywood um zu sehen, ob sich der Mäuse-Konzern nun ebenso opportunistisch dem neuen Wind aus Washington anpassen wird, wie das andere Player der Branche, etwa Jeff Bezos' Amazon, bereits getan haben.

Sonderfall "Schneewittchen" Doch ungeachtet dessen ist die neue "Schneewittchen"-Verfilmung noch einmal ein Sonderfall. Denn selten gab es einen Film, der schon so lange vor dem Kino-Start von einer derartigen Menge an Kontroversen und Skandalen begleitet war, noch bevor überhaupt jemand erste Bilder davon gesehen hat. Hier der Überblick über die 7 großen "Schneewittchen"-Skandale:

1. Eine Latina als Schneewittchen

Der erste Skandal überkam "Schneewittchen" bereits 2021, als bekannt wurde, dass mit der kolumbianisch-stämmigen Rachel Zegler eine Latina für die Titelrolle ausgewählt wurde. Wie Disneys Zeichentrickfilm aus 1937, basiert auch der neue Film auf dem bekannten Märchen der Gebrüder Grimm. Und dort ist die Rede davon, dass Schneewittchen "so weiß wie Schnee" sei. Daher wäre eine Latina mit ihrem dunklerem Hautton völlig unpassend für die Figur, so der Tenor der Kritiker.

Rassismus? Diese Casting-Entscheidung tat (wie schon bei "Arielle", als die dunkelhäutige Halle Bailey für die Titelrolle ausgewählt wurde) gleich mehrere Fronten auf: Die Kritik reichte in ihrer Ausprägung von der Forderung nach einer werkgetreuer Umsetzung bis hin zu offenem Rassismus. Eine sehr ähnliche Diskussion läuft derzeit übrigens in Bezug auf die geplante Harry Potter-Serie von HBO, in der Severus Snape laut Berichten von dem schwarzen Darsteller Paapa Essiedu (bekannt aus "The Outrun") gespielt werden soll.

Weiß wie Schnee? Rachel Zeglers Schneewittchen sieht eher nach "West Side Story" als nach den Gebrüdern Grimm aus
Weiß wie Schnee? Rachel Zeglers Schneewittchen sieht eher nach "West Side Story" als nach den Gebrüdern Grimm aus
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"Colorblind Casting" Die Auswahl von Rachel Zegler folgt dem Prinzip des "Colorblind Casting". Dabei geht es darum, zentrale Filmfiguren nicht stets mit weißen Darstellern zu besetzen. Dahinter steht die Überzeugung, dass Besetzungspolitiken in Hollywood in der Vergangenheit stets Weiße bevorzugten (Stichwort impliziter Rassismus).

Zweischneidiges Schwert Befürworter dieser Strategie sehen darin ein emanzipatorisches Prinzip, das die Gesellschaft gerechter machen soll. Kritiker entgegnen, dass so bei Neuadaptionen nicht selten Fans der Originale verprellt würden. Und mit dem unbedingten Fokus auf Diversität zudem Teile des nichtfarbigen Publikums, das sich nicht mehr repräsentiert sähe, das Interesse verlieren würde.

Schneewittchen alleine mit den Tieren des Waldes: Viele Bilder wurden 1:1 aus dem Zeichentrickfilm übernommen, doch der Inhalt des Films wurde teils stark angepasst
Schneewittchen alleine mit den Tieren des Waldes: Viele Bilder wurden 1:1 aus dem Zeichentrickfilm übernommen, doch der Inhalt des Films wurde teils stark angepasst
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2. "Böse Königin" schöner als Schneewittchen?

Eine sehr eigene Debatte punkto Besetzung entspann sich aus der Gegenüberdarstellung von Rachel Zegler und Gal Gadot (u.a. "Wonder Woman"), die als "Böse Königin" ausgewählt wurde: In Sozialen Medien wurde – oft in Memes – darauf hingewiesen, dass das ehemalige Topmodel Gal Gadot wesentlich besser aussehen würde als Zegler, obwohl die Figur von Schneewittchen im Märchen als "wunderschön" beschrieben und deren Aussehen von der Königin beneidet wird. Diese Einschätzung teilten übrigens bei weitem nicht nur Männer.

Alles Geschmacksache Nun kann man der Debatte natürlich eine gewisse Oberflächlichkeit unterstellen. Attraktivität ist zudem bis zu einem gewissen Grad auch Geschmacksache. Tatsache ist aber auch, dass ein zentrales Motiv der Schneewittchen-Handlung die Eifersucht der Königin auf ihre junge Konkurrentin ist, die sie "objektiv" an Schönheit übertreffe, so sagt es das Spieglein an der Wand. Von allen Debatten rund um den Film ist diese aber wohl die entbehrlichste und banalste.

Anders als Schneewittchen, sehr nah an der Darstellung im Zeichentrickfilm: Gal Gadot als Böse Königin
Anders als Schneewittchen, sehr nah an der Darstellung im Zeichentrickfilm: Gal Gadot als Böse Königin
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3. Originalität vs. Feminismus

Relevanter ist da schon, dass Schneewittchen-Darstellerin Rachel Zegler 2023 bei einem Interview abfällig über den Originalfilm sprach. Sie bezeichnete die Geschichte als "Weird! Weird" ("seltsam") und nahm vor allem Anstoß daran, dass Schneewittchen von einem Prinzen gerettet wird, den sie als "Stalker" bezeichnete. Im neuen Film würde man das anders lösen, so Zegler. Es würde zwar eine (neue) männliche Figur namens Jonathan geben (gespielt von Andrew Burnap), aber die würde man vielleicht noch aus dem Film schneiden.

"Fehlender Resepekt" Für diese Anmerkungen hagelte es viel Kritik. Von "falsch verstandenem Feminismus" war die Rede, auch von fehlendem Respekt vor dem Märchen und dem Zeichentrickfilm. "Mein Vater und Walt Disney würden sich im Grabe umdrehen", ließ der Sohn des Co-Schöpfers des Zeichentrickfilms, David Hand, wissen. Später entschuldigte sich Zegler für ihre Aussagen, die "scherzhaft" gewesen wären, da war der PR-Schaden aber bereits angerichtet.

Anstatt eines Prinzen gibt es jetzt die Rolle des Jonathan (Andrew Burnap), der Schneewittchen beistehen darf
Anstatt eines Prinzen gibt es jetzt die Rolle des Jonathan (Andrew Burnap), der Schneewittchen beistehen darf
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4. Diverse Zwerge

Die wohl befremdlichste Kontroverse gab es um die Besetzung und Darstellung der 7 Zwerge. 2023 tauchten vermeintliche Bilder vom Set auf, die 7 als Zwerge verkleidete Darsteller zeigten. Darunter war auch eine Frau, ansonsten Männer unterschiedlicher Hautfarbe, laut Berichten war nur einer davon kleinwüchsig.

Ohrfeigen von beiden Seiten Zum einen entbrannte daraufhin erwartungsgemäß Kritik an diesen "woken Zwergen". Zum anderen gab es harsche Kritik von kleinwüchsigen Schauspielern, die Anstoß daran nahmen, dass man ihnen mögliche Rollen vorenthalten würde. Doch das PR-Desaster war erst perfekt, als Disney zunächst meinte, das Foto der Zwerge wäre nicht echt. Und sich kurz darauf korrigierte, dass die Zwerge nur aus "Testzwecken" von "Ersatzschauspielern" gespielt worden seien.

Animierte Zwerge Schließlich entschied man sich dazu, die Zwerge zu animieren. In der Endfassung schauen sie nun der Darstellung im Original-Zeichentrickfilm recht ähnlich. Hollywood-Insider sind sich allerdings sicher, dass die aufgetauchten Bilder die ursprüngliche Besetzung darstellten, von der man nach dem Shitstorm jedoch abrückte. Und computeranimierte Zwerge sind schwerer zu kritisieren.

Die animierten Zwerge in der Realverfilmung sind jetzt stark an die Zeichentrickfilm-Figuren angelehnt
Die animierten Zwerge in der Realverfilmung sind jetzt stark an die Zeichentrickfilm-Figuren angelehnt
©Walt Disney Co. / Everett Collection / picturedesk.com

5. Kritik an Zwergen-Darstellung

Doch damit noch nicht genug der Posse um die Zwergen-Charaktere. Bereits 2022 kritisierte der kleinwüchsige Hollywoodstar Peter Dinklage ("Game of Thrones") die Darstellung von Zwergen in Filmen grundsätzlich: Er warf Disney "Heuchelei" vor, weil man einerseits eine Latina für die Titelfigur wähle, andererseits aber an der seiner Meinung nach "rückwärts gewandten" Darstellung von Kleinwüchsigen festhalte. "Zwergenfiguren" hätten selbst als Märchen- und Fabelwesen nichts mehr in modernen Filmen zu suchen.

Kritik von andere Kleinwüchsigen Dinklage wiederum wurde dafür von vielen kleinwüchsigen Schauspielkollegen wie etwa Dylan Postl kritisiert, die es als unzulässig empfanden, dass er, Dinklage, für sie spreche. Und sie sich vielmehr für sie passende Rollen wünschen würden. Disney verlautbarte schließlich, man würde eng mit "Kleinwüchsigen-Organisationen" zusammenarbeiten, um eine korrekte Darstellung sicherzustellen. Mit der Entscheidung, die Zwerge zu animieren, ging man am Ende weiteren Kontroversen aus dem Weg.

Kritisierte die Darstellung von Zwergen in "Schneewittchen" und wurde dafür selbst von kleinwüchsigen Schauspielern kritisiert: Hollywoodstar Peter Dinklage ("Game of Thrones")
Kritisierte die Darstellung von Zwergen in "Schneewittchen" und wurde dafür selbst von kleinwüchsigen Schauspielern kritisiert: Hollywoodstar Peter Dinklage ("Game of Thrones")
Chris Pizzello / AP / picturedesk.com

6. "Schneewittchen" pro Palästina, "Böse Königin" für Israel

Doch als wäre das alles nicht schon sensibel genug, vertreten die beiden Hauptdarstellerinnen ganz unterschiedliche Ansichten zum Israel-Palästina-Konflikt – und das sehr öffentlich und prononciert. Gal Gadot, selbst Israelin, sprach sich mehrfach für Israel aus und forderte die Befreiung der von der Hamas seit mittlerweile eineinhalb Jahren festgehaltenen Geiseln. Rachel Zegler wiederum äußerte sich mehrfach pro Palästina. Das führte dazu, dass Aktivisten auf beiden Seiten zum Boykott von "Schneewittchen" aufriefen.

Sehr unterschiedlicher Meinung über den israelisch-palästinensischen Konflikt: Gal Gadot (l.) und Rachel Zegler
Sehr unterschiedlicher Meinung über den israelisch-palästinensischen Konflikt: Gal Gadot (l.) und Rachel Zegler
Giles Keyte

7. Kleine Premieren ohne Presse

All diese Kontroversen und Kommunikations-Katastrophen führten schließlich dazu, dass Disney jetzt beim Start des Films auf Nummer Sicher gehen wollte und die Presse als mögliche Störenfriede kurzerhand aussperrte. In der Regel gibt es bei Filmen dieser Größenordnung (das Budget lag bei ca. 270 Millionen Dollar) riesige Premierenfeiern. Doch das war diesmal anders.

Die Presse musste draußen bleiben Die Europa-Premiere stieg vergangene Woche in einer nordspanischen Kleinstadt vor einem Schloss und die Premiere in Los Angeles wurde ebenfalls "downgegraded", Journalisten waren von der Filmvorführung ausgeschlossen. Diese sehr ungewöhnliche Vorgehensweise zeigt, wie blank die Nerven bei Disney in Sachen "Schneewittchen" liegen dürften.

Die Premiere des Films fand ohne Pressevertreter statt, Journalisten wurden vorab ausgeschlossen
Die Premiere des Films fand ohne Pressevertreter statt, Journalisten wurden vorab ausgeschlossen
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Negative Kritiken 1 Tag später Geholfen hat das alles indes nur bedingt. Da es keine Pressevorführungen vorab gab, sahen sich die Filmkritiker "Schneewittchen" wie alle Zuseher offiziell im Kino an – und schrieben ihre Kritiken eben mit 24 Stunden Verspätung. Nicht alle gingen dabei mit dem Film so gnadenlos ins Gericht wie die Times, uneingeschränkte Liebe erfährt der Film aber kaum wo.

Gewinnprognosen herabgesetzt Wie erfolgreich "Schneewittchen" wird, entscheidet letztlich ohnedies das Publikum. Doch angesichts der zahllosen Querelen um den Film, wurden die Einspiel-Prognosen in den USA zuletzt deutlich nach unten geschraubt. Und bei Disney könnte es dann schon bald heißen: Spieglein, Spieglein an der Wand, wann kommt der nächste Blockbuster für das ganze Land?

"Schneewittchen", USA 2025, 109 Minuten, jetzt im Kino

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