"Der Leopard"
"Es muss sich alles ändern, wenn alles bleiben soll, wie es ist"
Ein Literaturklassiker in Neuauflage. Das Original von Luchino Visconti mit Alain Delon und Burt Lancaster gilt als Meisterwerk. Nun startet "Der Leopard" auf Netflix. Mit dabei: die Tochter von Monica Bellucci. Christian Klosz hat die Serie gesehen.

Wer große Literaturklassiker filmisch adaptiert, riskiert. Wenn es von dem selben Stoff bereits eine überragende Verfilmung gibt, riskiert man doppelt.
Das hat Netflix nicht davon abgehalten, eine 6-teilige Serienadaption von Giuseppe Tomasi de Lampedusas "Der Leopard" in Auftrag zu geben. Dessen gleichnamige Verfilmung von Luchino Visconti aus dem Jahr 1962 zählt zu den herausragenden Werken des Weltkinos. Die Fallhöhe könnte also höher nicht sein, zumal Netflix kürzlich mit der Serienverfilmung von "100 Jahre Einsamkeit" nicht zwingend überzeugen konnte.
Melancholische Opulenz "Der Leopard" - als Roman und in seiner mehr als 3-stündigen Filmadaption - ist ein imposantes Werk voller Schönheit und barocker Opulenz, durch die sich traurige Melancholie zieht. Die Handlung spielt um 1860 in Sizilien, als sich der süditalienische Adel Garibaldis revolutionären Rothemden gegenübersieht, die den Ständestaat stürzen und als Groß-Italien vereinigen wollen.
Im Zentrum der Geschichte steht Don Farbrizio Corbera, genannt "Der Leopard", der mächtige Fürst von Salina, Abkömmling eines alten Adelsgeschlechtes und Herr über große Gebiete und mehrere Landsitze.
Alles muss sich ändern Sein verarmter Neffe Tancredi schließt sich den Aufständischen an. Er ist sich seiner Herkunft bewusst, fühlt sich aber auch von den Möglichkeiten von Fortschritt und Freiheit für breite Bevölkerungsschichten angezogen. Don Fabrizio ist sich der Gefahr bewusst, die die neuen Zeiten für ihn und seine Familie bedeuten könnten, duldet aber Tancredis Einsatz, da er die Zeichen der (neuen) Zeit erkennt. Implizit folgt er so Tancredis berühmtem Leitsatz: Es muss sich alles ändern, wenn alles bleiben soll, wie es ist.

Ein reaktionäres Pamphlet? "Der Leopard" ist ein hochpolitisches Werk und eine detaillierte Gesellschaftsstudie, ohne dabei selbst klar Position zu beziehen. Als Lampedusas Roman 1958 erstmals erschien, wurde er von vielen Linken trotzdem als reaktionäres Pamphlet abgetan. Das hatte auch damit zu tun, dass die Handlung weitgehend auf der eigenen Familiengeschichte des Autors basiert, der selbst einem sizilianischen Adelsgeschlecht entstammte.
Der adelige Kommunist Anders sah das Luchino Visconti, der auch adeliger Herkunft war, aber politisch klar deklarierter Kommunist. Ihn faszinierte "Der Leopard" und insbesondere die Hauptfigur des Fürsten, der zwar einerseits für "Das Alte" steht, das hinweggefegt wird, zugleich aber auch für Kultur, Klasse, Erhabenheit und politische Gerissenheit, die man Opportunismus nennen könnte.

Eigenständige Neuadaption Kann nun so ein dichtes, reiches, tief in der europäischen Geschichte verankertes Werk als Netflix-Serie reüssieren? Die durchaus überraschende Antwort lautet: Ja. Denn die Adaption, für deren Inszenierung der Brite Tom Shankland verantwortlich ist, braucht sich nicht hinter Viscontis Verfilmung zu verstecken. Netflix' "Der Leopard" setzt wie das Vorbild auf opulente Bilder und Musik, ist darin aber trotzdem eigenständig umgesetzt.
Stilsicher und authentisch Gerade die Landschaftsaufnahmen sind von malerischer Schönheit, aber stets äußerst stilvoll gestaltet und nie kitschig. "Der Leopard" wurde mit großem Aufwand in Originalsprache an Originalschauplätzen in Palermo, Syrakus und Catalina gedreht. Dem nicht genug: Eine durchwegs italienische Besetzung und über 1.000 Komparsen sollten größtmögliche Authentizität garantieren.
Kultivierte Brutalität Die Nachfolge von Burt Lancaster, der in Viscontis Film den titelgebenden Fürsten spielte, tritt der Italiener Kim Rossi Stuart an - und auch er muss sich hinter seinem Vorgänger ganz und gar nicht verstecken. Ihm gelingt es, die würdevolle und kultivierte Gerissenheit und Brutalität der Figur des "Leoparden" ausgezeichnet darzustellen.
Eine kleine Enttäuschung hingegen ist Saul Nanni, der den revolutionären Tancredi spielt, der in der Verfilmung aus 1962 von Alain Delon in einer seiner frühen Rolle verkörpert wurde. Ihm fehlt der Charme und die Attraktivität, die Delon ausstrahlte.

Talentierter Cast Die tragische Figur der Concetta, die verschmähte Cousine Tancredis, deren Techtelmechtel im Nirgendwo endet, spielt Benedetta Porcaroli, und das durchaus überzeugend. Als Angelica Sedara, deren vom Fürsten eingefädelte Vermählung mit Tancredi Mittel zum Zweck des Machterhalts ist, spielt Deva Cassel, Tochter von Vincent Cassel und Monica Bellucci. Im Original verkörperte Claudia Cardinale die Rolle. Insgesamt agiert der große Ensemble-Cast auf sehr hohem Niveau.
Der Fall alter Eliten Die Geschichte des Leoparden ist zwar historisch klar verortet, in ihrer Message aber zeitlos - weshalb sie die Zeit schadlos überstanden hat. Sie erzählt von Macht und Einfluss, von politischen Umwälzungen, von zerfallenden Systemen und Sozialstrukturen. Alte Machtstrukturen werden hinweggefegt, neue entstehen. Und die "alten Eliten" müssen entscheiden, wie sie sich dazu verhalten.

Zeitlose Parabel Nun könnte man der Versuchung erliegen, die Serie aktuell zu deuten und nach Parallelen in der Gegenwart zu suchen: Systemzerfall, mächtige Eliten, ein Verteidigungskampf um Macht und Einfluss, Opportunismus und die Frage, was Fortschritt ist, all das könnte einem bekannt vorkommen.
Die Serie schielt aber nie bewusst auf die Gegenwart und die Parallelen ergeben sich nicht intendiert, sondern sind schlicht der Tatsache geschuldet, dass "Der Leopard" eine zeitlose, universelle Parabel über Tradition und Wandel sowie über den unaufhaltsamen Fortgang der Geschichte ist. Auch in der Netflix-Adaption.

Fazit "Der Leopard" schafft es, die Magie der Vorbilder zu erhalten und den Stoff vorsichtig zu modernisieren, ohne seine barocke Aura zu verlieren. Für das durchschnittliche Netflix-Publikum mag das eine Herausforderung sein, da die Serie auf plumpe Affektstimulierung weitgehend verzichtet, auch wenn sich die eine oder andere Anleihe an romantische Historienschinken findet. Doch auch diese Szenen sind von Würde und Gediegenheit getragen, die durch das gemächliche Tempo verstärkt werden. So kann das Unterfangen im besten Fall bewirken, eine neue Generation für große, literarische Stoffe zu begeistern.
"Der Leopard", Miniserie Netflix. 6 Folgen zwischen 51 und 61 Minuten. Mit Kim Rossi Stuart, Benedetta Porcaroli, Deva Cassel. Ab sofort.