"Für immer hier"
Oscar-Gewinner: Wenn die Liebe stärker ist als jede Diktatur
Nach einer wahren Geschichte. Bei den Oscars wurde "Für immer hier" bester Fremdsprachiger Film. Ein Architekt wird entführt, seine Frau macht es sich zur Lebensaufgabe, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Christian Klosz hat das brasilianische Drama gesehen.

Wenn der Begriff Festival-Favorit auf einen Film zutrifft, dann auf Walter Salles Regiewerk: "Für immer hier" (englischer Titel: "I'm still here") lief bei den großen Festspielen von Venedig, Toronto und New York (und bei vielen weiteren). Und wurde für insgesamt 100 Preise nominiert, wovon er die Hälfte gewinnen konnte. In Brasilien war er der erfolgreichste Film der letzten Jahre.
Hollywood-Export Doch auch Hollywood wurde hellhörig: Hauptdarstellerin Fernanda Torres wurde bei den Golden Globes als Beste Hauptdarstellerin in einem Drama ausgezeichnet. Bei den Oscars folgten Nominierungen für den Besten Film, die Beste Hauptdarstellerin und den Besten Fremdsprachigen Film – für ein lateinamerikanisches Werk, das durchwegs in Portugiesisch gedreht wurde, beachtlich.
Stille Heldin Beachtlich ist auch, dass "Für immer hier" auf solch immenses nationales und internationales Echo stieß und das bei Kritik und Publikum: Denn er ist kein Film der lauten Töne und grellen Bilder, selbst für ein Arthouse-Drama, das er am Ende ist, agiert er äußerst zurückhaltend. Es mag der Inhalt sein, der überzeugte, und eine bemerkenswerte Hauptfigur nach wahrem Vorbild, eine stille Heldin im Widerstand.
Ganz normaler Alltag Der Film beginnt 1971 in Rio de Janeiro, wo die Familie Paiva Sonne, Strand und Meer genießt. Die Kinder tollen im Sand herum, spielen Volleyball, die Eltern Rubens (Selton Mello) und Eunice (Fernanda Torres) lassen es sich gut gehen. Eine glückliche Familie, nichts deutet darauf hin, dass in Brasilien seit 7 Jahren eine Militärdiktatur herrscht, die immer harscher gegen ihre Gegner vorgeht.
Gutbürgerliches Leben Vater Rubens war früher Politiker und Abgeordneter der Arbeiterpartei, ist nun als erfolgreicher Ingenieur und Architekt tätig, Mutter Eunice ist Hausfrau, hat aber mit dem halben Dutzend Kinder alle Hände voll zu tun. Die Paivas haben sich eine gutbürgerliche Existenz aufgebaut, sie empfangen regelmäßig Gäste, veranstalten Empfänge und Parties.
Angeordnete Entführung Eines Tages klopft es an der Tür: Dubiose, teils bewaffnete Männer verschaffen sich Zugang zum Haus und verlangen, dass Rubens mit ihnen mitkommt. Sie müssten ihm "ein paar Fragen stellen" sagen sie. Rubens verhält sich ruhig, zieht sich seinen besten Anzug an und kommt mit. Niemand in der Familie weiß, dass es das letzte Mal sein wird, dass sie ihn sehen.

Auftrag von oben Tage später ist Rubens immer noch nicht zurück, nun sollen auch Eunice und ihre älteste Tochter mitkommen. Schwarze Hauben werden ihnen übergezogen, wie Schwerkriminelle werden sie in ein Gefängnis gebracht. Nun ist auch klar, dass das Militär hinter der Aktion steckt, dass die Männer Regierungsbeamten waren, die im Auftrag "von oben" gehandelt haben.
Schuldlos eingesperrt Auch Eunice wird befragt, sie soll Namen vermeintlicher Regimefeinde preisgeben, wird zu "terroritischen" Aktivitäten ihres Mannes befragt, von denen sie tatsächlich nichts weiß bzw. die es nicht gab. Wochen wird sie festgehalten, in einer kleinen Zelle, ohne fließendes Wasser, frische Kleidung, bis sie endlich freigelassen wird, so auch ihre Tochter. Doch über den Verbleib von Rubens kann und will ihr weiterhin niemand etwas sagen.
Gewisse Ungewissheit Als in Eunice die Gewissheit zu wachsen beginnt, dass ihr Ehemann womöglich nie mehr zurückkommen wird, fasst sie den Entschluss, zur Uni zurückzukehren, ihren Abschluss als Anwältin zu machen - und den Rest ihres Lebens der Aufklärung des Falles und anderer Ungerechtigkeiten zu widmen.

Historisch und aktuell Als "Für immer hier" entwickelt wurde, herrschte in Brasilien gerade Jair Bolsonaro - und das Land befand sich auf dem besten Weg, den schlimmsten Teil seiner Geschichte zu wiederholen, die Militärdiktatur zwischen 1964 und 1985. Regisseur Walter Salles erzählt, dass in der 7-jährigen Produktionsphase des Filmes aus einem historischen Politdrama plötzlich ein hochaktueller Film wurde.
Buchadaption Sein Werk basiert auf dem autobiografischen Buch von Marcelo Rubens Paiva, dem Sohn von Rubens und Eunice. Salles ist mit den Paivas befreundet und verbrachte in seiner Kindheit viel Zeit in deren Haus. Nach der Lektüre habe er sich in Eunice "verliebt", wie er sagt - und wollte das Leben dieser stillen Heldin als Film verewigen.
Wo man die Oscar-Filme derzeit sehen kann
- Anora Bester Film, Beste Regie, Bestes Originaldrehbuch, Bester Schnitt, Beste Hauptdarstellerin Kino, Video-on-Demand, DVD/BluRay
- Der Brutalist Bester Hauptdarsteller, Beste Kamera, Beste Filmmusik Kino, DVD/BluRay ab 17.4.
- A Real Pain Bester Nebendarsteller Kino, DVD/BluRay ab 7.April
- Emilia Perez Beste Nebendarstellerin, Bester Filmsong Netflix, DVD/BluRay ab 17. April
- Konklave Bestes adaptiertes Drehbuch Kino, Video-on-Demand, DVD/BluRay
- Wicked Bestes Szenenbild, Bestes Kostümdesign Kino, Video-on-Demand, DVD/BluRay
- The Substance Bestes Make-Up Kino, Video-on-Demand, DVD/BluRay ab 17.4.
- Dune Part Two Bester Ton, Beste visuelle Effekte Video-on-Demand, DVD/BluRay
- Flow Bester Animationsfilm Kino, Video-on-Demand, DVD/BluRay ab 17.7.
- No Other Land Bester Dokumentarfilm Kino
- Für immer hier Bester Internationaler Film Kino

Bemerkenswerte Hauptfigur Das Bemerkenswerteste an "Für immer hier", in seiner Machart ein recht typischer "Festivalfilm", der sich formal wenig von vergleichbaren Werken abhebt, ist seine Hauptfigur, die von Fernanda Torres überzeugend gespielt wird. Man könnte meinen, sie würde an ihrem Schicksal verzweifeln, mit Wut reagieren, an der Ungewissheit ob des Verbleibes ihres Geliebten zugrunde gehen, sie hätte jedes Recht dazu.
Sublimierte Wut Doch Eunice tut das Gegenteil: Sie ist stets gefasst, lässt keine Emotionen zu - zumindest zeigt sie sie nicht - nimmt ihre Rolle als neues "Familienoberhaupt" an. Und bringt nebenbei auch noch die Kraft auf, ihr Studium zu beenden und als Menschenrechtsanwältin und -aktivistin Karriere zu machen.
Dazu kämpft sie unaufhörlich mit den brasilianischen Behörden, fordert die Herausgabe von Informationen zu Rubens, sucht nach der Wahrheit. Mit ihren Kindern hingegen spricht sie so wenig wie möglich über deren Vater.
"Für immer hier" unterstreicht diese ungewöhnliche Bewältigungsstrategie dadurch, dass er Eunice nie emotional zeigt. Nie weint sie, nie bricht sie zusammen, nie schreit sie oder lässt ihrer Wut freien Lauf. Stets kontrolliert und würdevoll macht sie ihr Leben zu einem Akt des subtilen Widerstandes gegen Unrecht und die Diktatur. So ist der Film in erster Linie eine Hommage an Eunice Paiva.

Fazit "Für immer hier" ist mehr Psychogramm als Politthriller, interessiert sich auch wenig für die Mechanismen im Hintergrund, die Strukturen der Diktatur, was man ihm durchaus ankreiden kann.
Und man muss sich die Frage stellen, ob das Vorbild des stillen, erduldenden Widerstandes gegen antidemokratische Entwicklungen angesichts politischer Realitäten in den USA, Russland und Co. noch zeitgemäß wirkt. Als historisch bewusstes und gefärbtes "Biopic" für Arthouse-Fans ist "Für immer hier" aber durchaus ansehnlich.
"Für immer hier", Brasilien / Frankreich 2024, 135 Minuten, ab 14. März im Kino