Kopfnüsse

Stickl & Kocker: So wurde Österreich zu einer Lotto-Show

Dramaturgie, Besetzung der Hauptrollen, Spannungsbogen: Österreichs Politik wird immer mehr zu Little Hollywood. Woran Herbert "Paulchen Panther" Kickl scheiterte, wofür der Bundespräsident Leidenschaft entwickelte und ob jetzt ein Comeback ansteht.

"Bitte, bitte, liebe Österreicher, schaffen Sie klare Verhältnisse", bat Herbert Kickl am Mittwoch, er selbst schaffte diese klaren Verhältnisse nicht
"Bitte, bitte, liebe Österreicher, schaffen Sie klare Verhältnisse", bat Herbert Kickl am Mittwoch, er selbst schaffte diese klaren Verhältnisse nicht
Helmut Graf
Newsflix Kopfnüsse
Uhr
Teilen

Es ist schon erstaunlich, wie schnelllebig unsere politische Welt geworden ist. "Fünf gute Jahre" hatte Herbert Kickl Österreich mit sich als "Volkskanzler" versprochen, am Mittwoch aber gingen diese "fünf Jahre" schon nach 37 Tagen zu Ende. Die Regierungsgespräche implodierten und es sind im Nachgang sogar Zweifel angebracht, ob diese 37 Tage wirklich gut waren. Und wenn ja, für wen?

Mit KI-Stimme: Lotto-Show um die neue Regierung

Über einen Monat lang hatten Herbert Kickl und Christian Stocker zuletzt unseren Alltag bestimmt. Das ergriffene Land nahm zunehmend mehr Anteil am Schicksal der beiden. Da wuchs was zusammen. Wie beim Dschungelcamp war aus dem Nichts heraus ein pausenloses Interesse am Fortkommen von zwei wildfremden Personen entstanden, dafür musste niemand Krokodil-Hoden, Kamelfüße oder Büffel-Augen essen.

In der Früh schauten die Menschen am Handy nach, ob sich FPÖ und ÖVP in der Nacht gegenseitig den Krieg erklärt hatten. Untertags, ob über die sozialen Medien Kusshändchen oder Wurfsterne hin und her flogen. Alles war plötzlich wichtig. Im Büro fragten Menschen, ob es etwas Neues gäbe, man habe jetzt fünf Minuten keine Zeit gefunden, das Handy zu checken.

Jeder Gesichtsausdruck, jedes hingeworfene Wort, jeder Einstieg in ein Auto war ein Fall für die hobbypsychologische Deutung. Weil keiner der Beteiligten offiziell mit Medien sprach, sprachen die Medien mit sich selbst und zu sich selbst. Den Verhandlern fiel gar nicht auf, wie ihnen Land und Leute nach und nach entglitten.

"Bis zum nächsten Mal", sagt Alexander Van der Bellen und geht ab
"Bis zum nächsten Mal", sagt Alexander Van der Bellen und geht ab
Helmut Graf

Österreich wartete 37 Tage auf die Entscheidung, ob es etwas wird mit Blau und Türkis, wie auf einen Vulkanausbruch. Am Ende brach der Vulkan nicht aus, er erlosch einfach und auch das passierte mit der Geschwindigkeit eines abgedrehten Feuerzeugs.

Um 14.50 Uhr machte Herbert Kickl an diesem Mittwoch das Scheitern offiziell. Er hatte eine Stunde lang mit dem Bundespräsidenten gesprochen, zum Termin war er mit einem Brief in der Hand erschienen. Freiheitliche Politiker halten das gerne so. Die Schreiben sind immer picobello layoutiert. Alexander Van der Bellen setze sich hin und las. Er hatte nichts daran auszusetzen.

Fünf Stunden später saß Klaus Webhofer im Studio der ZiB 1 und analysierte wie immer profund den Tag, aber der Name der Chefverhandler wollte ihm partout nicht mehr einfallen. Zu lange her. "Stickl und Kocker", presste er zwischen den Lippen hervor, dann erinnerte er sich wieder.

Ein paar Minuten später wies Moderatorin Susanne Höggerl auf weitere Berichterstattung in der ZiB 2 hin, "Christa Stocker" sei dort zu Gast, sagte sie. Der ÖVP-Vorsitzende nahm dann aber doch nicht das Selbstbestimmungsrecht für sich in Anspruch und erschien in der ZiB 2 weiterhin als Christian Stocker. Glatzköpfig, eine blonde Perücke hätte den Tag besser abgerundet.

Die zwei Gesichter von Christian Stocker, das ist das erste ...
Die zwei Gesichter von Christian Stocker, das ist das erste ...
Helmut Graf
... und das ist das zweite
... und das ist das zweite
Helmut Graf

Das Leben ist manchmal ein Glücksspiel, das trat gestern ebenfalls zu Tage. Um 18.30 Uhr gab der Bundespräsident ein "Statement zur aktuellen Lage" ab. Die Veranstaltung wurde live im Fernsehen übertragen, deshalb war Pünktlichkeit gefragt.

Nachdem Alexander Van der Bellen aus der Tapetentür aus Ananasdamast getreten und zum Pult gegangen war, schaute er in die Runde, rieb sich die Hände, räusperte sich und fragte dann: "Simma schon auf Sendung?"

Er war schon auf Sendung und hatte keine Zeit zu verschenken, denn das "Statement" war nicht zufällig auf 18.30 Uhr gelegt worden. Um 18.48 Uhr zeigt der ORF nämlich "Lotto 6 aus 45 mit Joker" und es gab einen Vierfach-Jackpot. Das versprach gute Einschaltquoten, zumal danach "Bundesland heute" folgte, der Gottesdienst der regionalen Berichterstattung.

Der ORF hatte im Vorfeld sogar angeboten, die Lottoshow etwas nach hinten zu verschieben, aber Alexander Van der Bellen versprach, rechtzeitig fertig zu werden und so kam es auch. In knapp zehn Minuten gab er eine geraffte Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse, dann verpasste er den involvierten Parteien ein paar Ohrenreiberln und das durchaus mit einer gewissen Eleganz.

Vor dem Kickl-Termin kümmerte sich der Bundespräsident noch mit Juli um Äußerlichkeiten
Vor dem Kickl-Termin kümmerte sich der Bundespräsident noch mit Juli um Äußerlichkeiten
Helmut Graf

Für das "Staatsganze" sei die Situation "kein Grund zur Beunruhigung", sagte er, man bewege sich immer noch im Rahmen der Verfassung, außerdem habe man ja eine Regierung. Das stimmt, wenn auch von ihr in den vergangenen Monaten kein Leuchtfeuer an Ideen mehr ausgegangen ist.

Aber es gibt sogar einen Kanzler, Alexander Schallenberg betreibt das Amt im Nebenerwerb. Über die aktuellen Entwicklungen wird er am Laufenden gehalten, zum Bundespräsidenten besteht ein enges Verhältnis. Man ist miteinander per du, was bei Van der Bellen nicht sehr häufig ist, und nennt sich gegenseitig Alexander. Dies wiederum ist naheliegend.

Die "Demut" habe gefehlt, warf der Bundespräsident den bisherigen Verhandlern vor, "Demut vor der Meinung des anderen". Daran seien zunächst die Gespräche zwischen ÖVP, SPÖ und NEOS gescheitert, dann die Beratungen zwischen FPÖ und ÖVP. Es werde nicht mehr der Kompromiss gesucht, er sei "in Verruf geraten". Dabei sei der Kompromiss in Österreich "ein Erfolgsrezept, ein Schatz".

Baustelle FPÖ: Am Weg zum Bundespräsidenten gab sich Kickl noch optimistisch, aber es war nur Show
Baustelle FPÖ: Am Weg zum Bundespräsidenten gab sich Kickl noch optimistisch, aber es war nur Show
Picturedesk

Auf der Suche nach dem Schatz hat Van der Bellen die Chefs von SPÖ, NEOS und GRÜNEN für Donnerstag in die Hofburg geladen. Er wolle nun "ausloten, welche Option die Beste für das Land" sei. Vier Modelle stünden zur Verfügung: eine neuerliche Wahl im Juni, eine Minderheitsregierung, eine Expertenregierung, oder aber die Parteien abseits der FPÖ raufen sich doch zusammen.

Welche Variante der Bundespräsident am liebsten hat, war dem "Statement" nicht zu entnehmen. Neuerliche Wahlen aber, sagte er eher abschätzig, wären erst in ein paar Monaten möglich. Daraus lässt sich ablesen, dass er diesen Vorgang dem Land lieber ersparen möchte. Vielleicht hat er eine Vorahnung, was passieren könnte: ein Duell um Österreich zwischen Herbert Kickl und Sebastian Kurz.

Absurd? Natürlich, aber hat irgendwer im September vorhergesagt, zu welchem politischen Dschungelcamp Österreich verkommen würde? Wer diesbezüglich ohne Sünde ist, werfe den ersten Krokodil-Hoden.

"Ich setze diesen Schritt nicht ohne Bedauern", schrieb Kickl an den Bundespräsidenten
"Ich setze diesen Schritt nicht ohne Bedauern", schrieb Kickl an den Bundespräsidenten
Helmut Graf

Es sei daran erinnert, dass die ÖVP schon Anfang Jänner mit einem Comeback des gewesenen Parteichefs geflirtet hat. Nicht alle in der Partei brannten damals für die Idee, Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner aber war Feuer und Flamme.

Sebastian Kurz wäre dafür auch zu gewinnen gewesen, er wollte aber unter keinen Umständen als Vizekanzler in eine Regierung mit der FPÖ, schon gar nicht unter Herbert Kickl.

Kurz hatte dafür gesorgt, dass der damalige Innenminister nach der "Ibiza-Affäre" aus dem Amt befördert wurde. Die Vorstellung, die beiden würden nun eine Regierung bilden und das auch noch in quasi getauschten Rollen, kann nur gut finden, wer Politik als Teil der Unterhaltungsindustrie sieht.

Mit Kurz in Juni-Wahlen zu gehen, könnte für die Volkspartei allerdings Charme haben. Ich überspringe jetzt den Teil mit den offenen rechtlichen Verfahren. Seit Donald Trump weiß die Welt, dass drohende Gerichtsurteile keine politischen Fußfesseln sein müssen.

Ob Kurz aber noch einmal erfolgreich sein kann oder ihm ein Schicksal wie Heinz-Christian Strache droht, ist unklar. Meine bescheidene Erfahrung sagt mir, dass politische Comebacks in der Regel stark überschätzt werden, vor allem von den betroffenen Personen selbst. Aber eine ÖVP in der gegenwärtigen Situation könnte in jedem Strohhalm einen rettenden Baum sehen.

Wäre eine Drehtür statt der Tapetentür nicht eine gute Investition?
Wäre eine Drehtür statt der Tapetentür nicht eine gute Investition?
Helmut Graf

Statt Bäume umarmt, werden nun vorerst Wunden geleckt. Am Mittwochabend trat zunächst um 20.15 Uhr Herbert Kickl auf. Die Verhandlungen über eine neue Regierung seien mitnichten an der FPÖ gescheitert, sagte er, sondern an der ÖVP, der es nur um Posten gegangen sei. In der ZiB 2 gab ÖVP-Chef Christian Stocker wiederum der FPÖ die Schuld am Scheitern.

So ging es schon den ganzen Tag hin und her. "Machtrausch" unterstellten ÖVP-Politiker dem potentiellen "Volkskanzler". Vorschläge wurden übermittelt und zurückgewiesen, Unfreundlichkeiten ausgetauscht, Ministerien abgetauscht, aber am Innenministerium zerschellte alles. Keiner wollte es hergeben. Das Ende!

Es folgten die üblichen leeren Kilometer. Parteien, die sich wochenlang vor der Öffentlichkeit weggesperrt hatten, versuchen nun, ihr Handeln transparent zu machen. Das muss zwangsläufig scheitern. Es ist dem Großteil der Wählerschaft auch herzlich egal, was hinter verschlossenen Türen passiert ist, oder auch nicht. Vorbei ist vorbei! Die Menschen hätten gern eine funktionsfähige Regierung, schließlich zahlen sie auch dafür.

Stockers Abgang als ÖVP-Chef: Kehrt er der Partei auch bald den Rücken zu, oder sie ihm?
Stockers Abgang als ÖVP-Chef: Kehrt er der Partei auch bald den Rücken zu, oder sie ihm?
Helmut Graf

Was nun? Schwer zu sagen. Der Mittwoch war wieder so ein Tag der ausgestreckten Hände. SPÖ-Chef Andreas Babler bot dem Bundespräsidenten neue Verhandlungen an, er könne sich aber auch vorstellen, "eine Regierung von anerkannten Persönlichkeiten zu stützen".

Beate Meinl-Reisinger hatte schon am Vortag ihre Bereitschaft bekundet, wieder in Gespräche einzusteigen. "Man muss staatspolitische Verantwortung übernehmen, dafür ist es notwendig, über den eigenen Schatten zu springen und das Wohl der eigenen Partei nicht als das höchste Maß zu sehen," sagte sie. Erstaunlich, was ein Monat verändern kann.

Auch die Grünen sperren sich nicht. Wir wären verhandlungsbereit, sagte Werner Kogler. Im Oktober wollte sie die ÖVP noch nicht am Tisch haben. "Wir sind sicher nicht die, die davonrennen."

Beginnt nun alles von vorne? Schwer zu sagen. Momentan gleicht die Aufregung einer Schulklasse auf dem Weg in den Skikurs.

Als erste Partei hat sich die FPÖ für neuerliche Wahlen ausgesprochen. "Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage," sagte Herbert Kickl am Ende seiner Pressekonferenz. Es war der Schlusssatz von Paulchen Panther in der Zeichentrickserie-Serie "Der rosarote Panther". Er war übrigens pink.

Ich wünsche einen wunderbaren Donnerstag. Heute ist doch Donnerstag, oder? Der Vierfach-Jackpot wurde übrigens gestern nicht geknackt, am Freitag gibt es die nächste Chance. Bis in einer kleinen Weile, sollte ich nicht gewinnen!

Mit KI-Stimme: Das Kasperltheater um die neue Regierung

Uhr
#Kopfnüsse
Newsletter
Werden Sie ein BesserWisser!
Wissen, was ist: Der Newsletter von Newsflix mit allen relevanten Themen des Tages und den Hintergründen dazu.