Streaming-trend
True Crime-Hype: Warum uns das Böse in seinen Bann zieht
True Crime-Dokus und -Serien boomen bei allen Streaming-Anbietern. Aktuellstes Beispiel: Ein neuer Film über die Morde der Manson-Family vor 56 Jahren. Weshalb das Genre so abhebt, was uns daran fasziniert – und warum nie die Geschichten ausgehen.

Die Geschichte von Charles Manson und die Morde seiner Manson-Family sind mittlerweile 56 Jahre her und hinlänglich bekannt: Manson, ein 1934 geborener Möchtegern-Musiker und krimineller, scharte Ende der 1960er-Jahre in Los Angeles eine Gruppe meist junger Frauen um sich, die sogenannte Manson-Family. Mit Erzählungen über einen bevorstehenden Rassenkrieg sowie jeder Menge Drogen brachte er seine Anhänger dazu, ihm blindlings zu folgen. Die Manson-Family wurde zu einem sektenähnlichen Kult.
Grausamer Mord an Hollywood-Star Sharon Tate Tragischer Höhepunkt des Manson-Kults war eine brutale Mordserie im August 1969, der auch Sharon Tate, die 26-jährige, damals hochschwangere Frau des Filmregisseurs Roman Polanski, 91, zum Opfer fiel. Insgesamt ermordete die Manson-Family zwischen 1969 und 1972, teils angestiftet durch ihren Führer Charles Manson, 14 Menschen.

Neue True Crime-Doku Nun versucht eine neue Netflix-Doku, der Geschichte frische Aspekte abzuringen. Worum es dabei geht, ob sich ein Blick auf die neue Doku lohnt und weshalb True Crime-Formate derzeit so dermaßen boomen – das Wichtigste über den Trend:
Worum geht es in der neuen Manson-Doku?
Der Film "Chaos: Die Manson-Morde" von Regisseur Errol Morris basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch des Investigativ-Journalisten Tom O'Neill aus dem Jahr 2018. Er zieht darin teils recht abenteuerliche Querverbindungen zwischen der Manson-Family und der CIA. Diese hätte damals Versuche zum Thema Gedanken- und Bewusstseinskontrolle vorgenommen. Und der Autor stellt in den Raum, dass es diesbezüglich Verbindungen zwischen Manson und dem US-Geheimdienst gegeben haben könnte.
Wie realistisch ist dieses Szenario?
Das werden wir vermutlich nie erfahren. Aber darum geht es im Grunde auch gar nicht. Manson (1934-2017) und viele Mitglieder der Manson-Family sind mittlerweile tot oder sitzen weiterhin in Haft, nur Ende 2023 wurde ein Mitglied der Family auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen. Die neuen Theorien sind vor allem ein Vehikel, die Mordserie wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit zu bringen.
Wie erfolgreich ist "Chaos: Die Manson-Morde"?
So sehr, wie es zu erwarten war. Nach dem Start Ende letzter Woche auf Netflix, katapultierte sich die Serie sofort in die Top-10 der Seher-Charts. Und folgt damit einem Trend, der seit geraumer Zeit die Streaming-Welt beherrscht und immer noch größer wird. Denn so ziemlich alle True Crime-Formate auf allen Streaming-Plattformen boomen auf Teufel komm raus.

Seit wann ist das schon so?
Der Trend ist relativ neu. True Crime-Formate galten noch bis vor wenigen Jahren meist als inhaltlich seichte und reißerisch gestaltete Sendungen, die nur in den Nachtblöcken auf Spartensendern liefen. Selten waren diese Serien hochwertig produziert, der Fokus lag vor allem auf der Schockwirkung des Gezeigten. Sich diesen Trash anzusehen, galt jahrelang als uncool und wurde nur heimlich gemacht.
Aber die Zeiten haben sich geändert, oder?
Definitiv. Spätestens seit "Tiger King" haben gut gemachte und hochwertig produzierte True Crime-Serien und -filme Hochkonjunktur. Sie begründeten einen Hype und sorgen für Gesprächsstoff. Denn sie handeln von Mördern und sonstigen Verbrechern, die betrügen, belügen, manipulieren und hinters Licht führen. Von Gewalttätern und deren Verbrechen, korrupten Institutionen und oft unglaublichen Kriminalfällen. Das Publikum taucht ein in eine geheimnisvolle, gefährliche, fremde Welt, von der eine morbide Faszination ausgeht.
Sind True Crime-Programme immer nur Dokus?
Schon längst nicht mehr. Der Trend hat sich inzwischen auf andere Medien ausgebreitet: In den letzten Jahren kamen fiktionalisierte True Crime-Serien hinzu, etwa auf Netflix die "Monster"-Reihe von Ryan Murphy, die besonders grausame (Serien-)Täter wie Jeffrey Dahmer oder die Menendez-Brüder ins Zentrum stellt. Die Serie "Only Murders in the Building" greift den Hype gar als Meta-Thema auf. Hinzu kommen unzählige Podcasts aller möglichen Qualitäts-Grade, die das Genre erzählerisch beackern.
Wann begann der True Crime-Trend im Streaming?
Die Doku-Serie "The Jinx" von HBO (2015, "Der Unglücksbringer" auf Deutsch bei Sky X) war wohl eines der ersten Formate, das True Crime mit filmemacherischer Finesse verband. Die Geschichte um den mörderischen Millionenerben Robert Durst gewann prestigereiche Filmpreise. Und war - vor allem in den USA - ein popkulturelles Ereignis.
Gab es noch andere Trendsetter?
Die im selben Jahr auf Netflix erschienene Serie "Making a Murderer" wählte einen anderen Ton, die unglaubliche Geschichte eines vermeintlich unschuldig Inhaftieren fesselte aber ebenso durch ihre detailreiche Rekonstruktion. In beiden Fällen wurde auch das erste Mal klar, welche Einwirkung filmische Formate auf reale Fälle und Ermittlungen haben können.
Wie ging es weiter?
2016 erschien mit "Amanda Knox", ebenfalls auf Netflix, eine Doku über den "Engel mit den Eisaugen"; 2018 erschien die Serie "Wild Wild Country", ein faszinierendes Porträt der Bewegung des Gurus Osho vulgo Bhagwan Shree Rajneesh; 2019 startete mit "Don't f*ck with cats" ein weiteres Highlight (alle Netflix).
Und dann kam "Tiger King"?
Exakt. Den letzten Schritt vom Nischen-Dasein zum Hype vollzog das True Crime-Genre mit "Tiger King" 2020: In der Frühphase der Corona-Pandemie versammelte die absolut verrückte Geschichte über "Joe Exotic" und andere Großkatzen-Züchter in den USA das weltweite Publikum vor den Bildschirmen. Das war auch der Zeitpunkt, als Streamingdienste - allen voran Netflix - erkannten, dass sich mit True Crime viel Geld machen lässt, weil es das Publikum lockt und gleichzeitig nicht unermesslich teuer zu produzieren ist.
Welche True Crime-Serien muss man noch gesehen haben?
Neben den oben bereits Genannten: "FYRE", eine Doku über ein Mega-Festival, das im Desaster endete; "The Sons of Sam" über eine der mysteriösesten Mordserien der USA; Oder "The Staircase: Tod auf der Treppe" über einen bekannten US-Autor, der beteuert, nichts mit dem Tod seiner Frau zu tun zu haben.
Wie schaut es mit Spielfilmen und Serien aus?
Unter den fiktionalisierten Formaten, die auf wahren Fällen beruhen, sind die beiden "Monster"-Staffeln (über Jeffrey Dahmer bzw. die Menendez-Brüder) herauszustreichen. Ebenfalls von Ryan Murphy produziert wurde die "American Crime Story"-Reihe, deren erste Staffel "The People v. OJ Simpson" überragend ist. Erwähnen muss man auch David Finchers "Mindhunter", die zwar keine detaillierte Rekonstruktion darstellt, aber reale Serienmörder wie Charles Manson als Nebenfiguren behandelt.
Weshalb ist True Crime solch ein Streaming-Trend?
- Endlos neues Material: Solange es Menschen gibt, wird es Verbrechen geben. Produzenten, die auf der Suche nach neuen Stoffen für Serien und Filme sind, brauchen nur die aktuellen News zu sichten, um ein mögliches neues Thema zu finden. Und wer gerade nichts Aktuelles findet, sucht einfach in den (Kriminal-)Geschichtsbüchern.
- Billige Produktion: Durchschnittliche (dokumentarische) True Crime-Formate sind günstig zu produzieren. In der Regel braucht man nur einen Raum, in dem man Interviewpartner befragen kann. Und Zugriff auf Archivaufnahmen von Fernsehsendern. Allein damit lässt sich ein Film oder eine Mini-Serie realisieren, wenn man es denn kann.
- Spannung und Rätsel: Die besten/schlimmsten Geschichten schreibt das Leben – diese abgedroschene Floskel trifft auch auf True Crime zu. Denn viele der bekanntesten Formate erzählen von Geschichten, die so unfassbar sind, dass es schwer zu glauben ist, dass sie wahr sind. Das Publikum ist gebannt, rätselt mit – und ist so permanent involviert.
- Die Faszination des Morbiden: Schon Agatha Christie wusste: Das Böse, Morbide fasziniert die Menschen. Nicht umsonst zählt der Krimi seit Jahrzehnten verlässlich zu den beliebtesten Romangattungen. Die Auseinandersetzung mit verdrängten Teilen menschlicher Existenz – und vielleicht auch eigenen, "dunklen" Persönlichkeitsaspekten - übt seit jeher abgründige Anziehungskraft aus.

Wer sind eigentlich die Haupt-Konsumenten von True Crime?
Überraschenderweise vor allem Frauen. Zwar gibt es keine Detail-Auswertungen der Streaming-Anbieter dazu. Aber aus dem Magazin- Podcast-Bereich weiß man ziemlich genau, wer die Käufer und Abonnenten sind – und hier sind Hörerinnen eindeutig in der Überzahl. Soe werden etwa 4 von 5 Ausgaben des True Crime-Magazins "Stern Crime" von Frauen gelesen. Und die Seven One-Entertainmentgruppe (zu der auch Pro7 gehört) hat 2022 erhoben, dass 93 Prozent der Hörer von True Crime-Podcasts Frauen sind.
Gibt es eine psychologische Erklärung für den Hype?
"Menschen haben sich schon immer für Verbrechen interessiert", sagt die Psychologin Corinna Perchtold-Stefan von der Universität Graz im Kurier. "Wir haben ein grundlegendes Bedürfnis, das Unverständliche und Extreme zu verstehen und dadurch besser damit umgehen zu können." Das Interesse an negativen und angsteinflößenden Dingen – und dazu gehöre eben auch True Crime – heiße in der Foeschung morbide Neugier. Damit würden wir Unsicherheiten bezüglich unserer Ängste und Sorgen reduzieren, so die Psychologin.

Wie geht es weiter?
Mit einem Ende des Hypes ist nicht so schnell zu rechnen. Bereits heiß erwartet von vielen Fans wird Staffel 3 der "Monsters"-Reihe bei Netflix, in der Charlie Hunnam ("Sons of Anarchy") den Serienmörder Ed Gein verkörpert, der unter anderem Vorbild für die Figur "Leatherface" in "Texas Chainsaw Massacre", den Serienkiller Buffalo Bill in "Das Schweigen der Lämmer" und Norman Bates in "Psycho" war. Mit einer Veröffentlichung ist spätestens Ende 2025 zu rechnen.
Und sonst?
Für alle, die bereits jetzt nach neuem True Crime-Futter hungern: Bereits am 20. März erscheint auf Sky X "Vermisst: Was geschah mit Lucie Blackman?", am 27. März, ebefalls auf Sky X, "#IdahoKiller – Mörderjagd außer Kontrolle". Und am 31. März kommt auf Netflix die Doku-Serie "Gone Girls: Der Serienmörder von Long Island". Es bleibt gruselig.
"Chaos: Die Manson-Morde", USA 2025, 96 Minuten, ab sofort auf Netflix