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Wie ein Top-Koch seine Mutter wiederfand (oder auch nicht)

True Crime und kein Ende: Alleine seit letzter Woche sind 4 sehenswerte True Crime-Formate gestartet. Von absurden Hochstaplern über skurrile Schatzsucher bis hin zu einer grauenvollen Mordserie an der Ostküste der USA ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Ist Dionne wirklich die lange vermisste Mutter von Top-Küchenchef Graham Hornigold – oder eine dreiste Betrügerin? "Con Mum" ist eine der 4 neuen True Crime-Shows auf Netflix
Ist Dionne wirklich die lange vermisste Mutter von Top-Küchenchef Graham Hornigold – oder eine dreiste Betrügerin? "Con Mum" ist eine der 4 neuen True Crime-Shows auf Netflix
Courtesy of Netflix
Christian Klosz
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Keine Woche ohne neue True-Crime-Formate. Kein Genre hat in den vergangenen Jahren einen größeren Hype ausgelöst als jene Filme und Serien, die sich mit echten Verbrechen, ihren Tätern und Opfern beschäftigen. Es ist die Lust am Schaudern, am Morbiden, Mysteriösen und Rätselhaften, die das Publikum so sehr fesselt, dass sich die Streaming-Plattformen regelrecht darin überbieten, ihren Sehern permanent neues Material vorzusetzen.

Ging erst vor wenigen Wochen bei Netflix eine vielbeachtete Dokumentation über Charles Manson und seine Manson-Family online, so wirft der Anbieter nun gleich die nächsten 4 neuen True-Crime-Storys auf den Markt. Worum es darin geht, weshalb es sich lohnt:

Sie galt als eine der talentiertesten Schauspielerinnen Frankreichs: Marie Trintignant (1962 - 2003)
Sie galt als eine der talentiertesten Schauspielerinnen Frankreichs: Marie Trintignant (1962 - 2003)
Martine Peccoux

"Vom Rockstar zum Killer: Der Fall Bertrand Cantat"

Es waren die frühen Nuller-Jahre und Noir Desir war eine der erfolgreichsten Rockbands Frankreichs. Sie spielte vor bis zu 80.000 Zuschauern und ihr Frontman Bertrand Cantat war ein Superstar: gutaussehend, charismatisch und elektrisierend.

Rockstar trifft Filmstar Genau da traf sich sein Weg mit dem der Schauspielerin Marie Trintignant, Tochter der französischen Kino-Ikone Jean-Louis Trintignant und als solche Teil einer Künstler-Familie, die weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannt ist. In ihrem nächsten Film sollte Marie Trintignant die Sängerin Janis Joplin spielen, und um sich darauf vorzubereiten, wollte sie sich mit Bertrant Cantat treffen. Um ein Gefühl für das Wesen von Sängern und Musikern zu bekommen, und um daraus Schlüsse für ihre Rolle zu ziehen.

Amour fou Es war Liebe auf den ersten Blick, erzählen Zeugen noch heute. Die beiden fühlten sich sofort zueinander hingezogen, begannen eine Beziehung, obwohl jeweils noch anderweitig vergeben. Cantat besuchte Trintignant beim Dreh eines neuen Films in Litauen, wollte immer dabei sein, besitzergreifend und eifersüchtig sei er gewesen, berichtet eine ihrer Freundinnen.

Ein Ende mit Schrecken Im Juli 2003 kam es dann zu einer folgenschweren Eskalation: Zwischen Bertrand und Marie war ein Streit ob einer SMS entbrannt, die ihr Ex geschrieben hatte. Und der damit endete, dass sie ins Koma fiel und er festgenommen wurde.

"Massive Gewalt" Cantat bestritt erst alles, sprach von einem tragischen Unfall. Doch als Marie Trintignant ihren Verletzungen erlag, zeigte die Obduktion ein ganz anderes Bild: Zahlreiche Frakturen im Gesicht, verursacht durch mehrfache massive Gewalteinwirkung.

Bertrand Cantat, der Freund von Marie Trintignant, beim Prozess 2004
Bertrand Cantat, der Freund von Marie Trintignant, beim Prozess 2004
Courtesy of Netflix

"Der Fall Bertrand Cantat" schildert eine Tragödie, die hierzulande bisher eher weniger bekannt gewesen ist. In Frankreich hingegen beschäftigt der Fall Millionen Menschen, auch noch Jahre später. Netflix rekonstruiert die Geschichte, eine Parabel über die Suche nach Wahrheit und Schuldumkehr. Zu Wort kommen Wegbegleiter der beiden, ehemalige Manager, Freundinnen von Trintignant, einer ihrer Ex-Männer und seinerzeit mit dem Fall befasste Journalisten, Anwälte und Ermittler.

Für wen lohnt es sich? Für Fans von vergleichbaren Formaten über tragische Beziehungsgeschichten wie "American Nightmare", "American Murder: Die Bilderbuchfamilie" oder "American Murder: Gabby Petito".

"Vom Rockstar zum Killer: Der Fall Bertrand Cantat", Frankreich 2025, 3 Episoden à ca. 45 Minuten, Netflix

Erzählt offen und schonungslos seine Geschichte in "Con Mum": der britische Koch Graham Hornigold
Erzählt offen und schonungslos seine Geschichte in "Con Mum": der britische Koch Graham Hornigold
Courtesy of Netflix

"Con Mum: Vermisste Mutter oder Betrügerin?"

Der Brite Graham Hornigold hatte alles, möchte man meinen: Als angesehener Pastry-Chef in London Erfolg im Beruf, dazu eine schöne Frau, mit der er das erste Kind erwartete. Doch in seinem Inneren klaffte ein Loch. Denn im Alter von nur 2 Jahren wurde er von seiner Mutter getrennt und er sah sie nie wieder. Er kam in Pflegefamilien unter, später bei seinem Vater, doch der trank und schlug ihn. Mit nur 18 Jahren zog Hornigold aus, das Kochen war seine Rettung, in der Küche fand er seine Ersatzfamilie.

45 Jahre lang vermisst Anfang 2020, in der Frühphase der Corona-Pandemie, bekam Hornigold plötzlich eine Mail: Eine Dionne Hornigold behauptete, seine leibliche Mutter zu sein. Erst zweifelte er, doch sie hatte Infos über ihn, die sonst niemand kannte. Die beiden vereinbarten ein Treffen, und es machte sofort Klick: Graham war sich sicher, das ist seine 45 Jahre lang vermisste Mama. Auf das Hochgefühl folgte die Ernüchterung: Sie habe schweren Krebs, so Dionne, und nicht mehr lange zu leben.

Mama was a Rolling Stone Um die verbleibende Zeit bestmöglich zu nutzen, verbrachte Graham jede Sekunde mit ihr. Dionne überhäufte ihn mit Geschenken, zog von einem teurem Hotel zum nächsten, machte den Eindruck, eine unglaublich reiche Frau zu sein, in der High Society bekannt wie ein bunter Hund, das alles trotz ihres Alters von über 80 und ihrer angeschlagenen Gesundheit.

Erste Zweifel tauchen auf Graham begann, seine Familie für seine Mutter zu vernachlässigen, während sich für sein Umfeld die Hinweise häuften, dass da nicht alles mit rechten Dingen zugehen könnte. Fragen tauchten auf: Können die Geschichten von Dionne stimmen? Und ist sie überhaupt seine Mutter? Oder ist das alles zu schön, um wahr zu sein?

Zum Zeitpunkt, als seine angebliche Mutter auftauchte, die Partnerin von Graham Hornigold: Heather Kaniuk
Zum Zeitpunkt, als seine angebliche Mutter auftauchte, die Partnerin von Graham Hornigold: Heather Kaniuk
Courtesy of Netflix

"Con Mum" erzählt eine unglaubliche, aber wahre Geschichte zwischen persönlichem Drama und riesigem Betrugsfall, die immer neue Volten schlägt, sodass bis zum Finale unklar ist, was hier stimmt und was nicht. Das ist gut gemacht und vor allem extrem spannend und faszinierend. Die Geschichte zeigt auch, dass unsere Vorstellungen davon, wie Betrüger aussehen, nichts mehr sind als Vorurteile. Und dass die Dinge oft ganz anders sind, als sie scheinen.

Sensible Umsetzung Lobenswert ist, dass der Film die Geschichte nicht ausschlachtet, sondern die Betroffenen in ihren eigenen Worten und durchaus emotional erzählen lässt. Gerade der sympathische Graham glänzt durch seine schonungslose Offenheit.

Für wen lohnt es sich? Für Fans absurder, aber wahrer Betrugsfälle wie "FYRE", "Der Tinder Schwindler" oder "BitConned".

"Con Mum: Vermisste Mutter oder Betrügerin?", Großbritannien 2025, 88 Minuten, Netflix

Hatte 10 Jahre lang Spaß mit der von ihm initiierten Schatzsuche: der Millionär Forrest Fenn
Hatte 10 Jahre lang Spaß mit der von ihm initiierten Schatzsuche: der Millionär Forrest Fenn
Courtesy of Netflix

"Gold und Gier: Die Jagd nach Forrest Fenns Schatz"

2010 versteckte der 80-jährige Forrest Fenn einen sagenhaften Schatz im Wert von mehreren Millionen Dollar in den Bergen nördlich von Santa Fe. Der Exzentriker war bei der Luftwaffe, gab später Bücher heraus und häufte Reichtum an. Als er eine Krebsdiagnose erhielt, brachte er seine Memoiren heraus – mit einem 24-zeiligen Gedicht, das auf das Versteck des Schatzes hinweisen sollte. "Sonst hätte ja niemand das Buch gekauft", so der exzentrische Millionär.

10 Jahre Schatzsuche Der PR-Gag löste eine 10-jährige Schatzsuche aus und spülte massenhaft Menschen in die Rocky Mountains, vom High School-Abbrecher bis zum Uni-Absolventen. Die einen interessiert an Rätseln und an der Suche selbst, die anderen getrieben von der Aussicht auf das große Geld. Und auch Fenn selbst brachte sich immer wieder in die Suche ein, gab per Mail oder in TV-Shows Hinweise, führte die Sucher in die Irre und erfreute sich spitzbübisch an der gesamten Situation.

Die Kehrseite der Medaille Doch mit den Jahren wurde die Sache zunehmend düsterer – und gefährlicher: Ging es anfangs noch um eine faszinierende, aber harmlose Schatzsuche, so häuften sich mit der Zeit die Zwischen- und auch die Todesfälle. Mehrere Schatzjäger verunglückten, es kam zu Einbrüchen und das lustvolle Rätseln verkam immer mehr zur gefährlichen Hatz nach dem großen Geld, die am Ende an die 300.000 (!) Beteiligte aus der ganzen Welt befassen sollte.

Zwischen 1 und 3 Millionen Dollar soll der Wert des von Forrest Fenn vergrabenen Schatzes betragen haben
Zwischen 1 und 3 Millionen Dollar soll der Wert des von Forrest Fenn vergrabenen Schatzes betragen haben
Courtesy of Netflix

"Gold und Gier" ist dem Untergenre "True Mystery" zuzuordnen und wird vor allem Rätsel-Freunden Vergnügen bereiten. Mit dem ominösen Forrest Fenn hat die Doku-Serie  einen ebenso exzentrischen wie charismatischen Protagonisten zu bieten, in Interviews erzählen (ehemalige) Schatzsucher von ihren Erfahrungen, manche ordneten ihr ganzes Leben der Suche unter. Nicht zuletzt ist "Gold und Gier" auch eine Serie über Obsessionen, die ins pathologische kippen.

Für wen lohnt es sich? Für Fans von Rätseln aller Art. Aber auch wer ein Faible für exzentrische Charaktere wie in "Tiger King" oder "Gunthers Millionen" hat, wird an Forest Fenns irrer Schatzsuche seine Freunde haben.

"Gold und Gier: Die Jagd nach Forrest Fenns Schatz", USA 2025, 3 Episoden à ca. 60 Minuten, Netflix

Angehörige erinnern an eines der Opfer des Serienmörders von Long Island in der neuen Doku-Serie "Gone Girls"
Angehörige erinnern an eines der Opfer des Serienmörders von Long Island in der neuen Doku-Serie "Gone Girls"
Courtesy of Netflix

"Gone Girls: Der Serienmörder von Long Island"

In New York City und Long Island verschwinden ab 1993 junge Frauen, die in der Sexbranche arbeiten. Ihre Familien suchen verzweifelt nach Antworten, doch die Frauen bleiben verschwunden. Erst im Jahr 2010 werden in der Gegend um Gilgo Beach auf Long Island schließlich sterbliche Überreste gefunden. Insgesamt entdeckt die Polizei in der Folge die Leichen von 10 Frauen – nur wenige Schritte entfernt von einem der bestbesuchten Strände New Yorks.

Korruption und Chaos Dennoch bleibt der Fall des "Long Island Serial Killers" für weitere 13 Jahre ungelöst – nicht zuletzt deshalb, weil die ermittelnden Behörden vor allem mit sich selbst beschäftigt sind und mit diversen internen Problemen, darunter auch Korruption, zurechtkommen müssen. Erst als in den Reihen der Ermittler wieder Ruhe und Ordnung einkehren, sind die Kapazitäten frei, sich der Aufklärung der Morde zu widmen.

Endlich ein Verdächtiger Im Sommer 2023 gelingt schließlich der offenbar entscheidende Durchbruch. Rex Heuermann, ein damals 59-jähriger Architekt aus Manhattan, verheiratet und Vater zweier Kinder, der ganz in der Nähe von Gilgo Beach lebt, wird mit mehreren der getöteten Frauen in Verbindung gebracht. Nach und nach zieht sich der Strick um seinen Hals enger und die Staatsanwaltschaft klagt Heuermann wegen immer mehr Frauenmorden an.

Manhattan-Architekt in U-Haft Mittlerweile wurde der Architekt in 7 Fällen des Mordes angeklagt und wartet derzeit auf seinen Prozess. Wie ernst es der Anklage mit ihrem Verdacht ist, lässt sich auch daran ablesen, dass Rex Heuermann keine Kaution stellen durfte, sondern hinter Gittern auf seinen Gerichtstermin warten muss.

Im Hinterland des Gilgo Beach östlich von New York wurden die sterblichen Überreste von insgesamt 10 Frauen gefunden
Im Hinterland des Gilgo Beach östlich von New York wurden die sterblichen Überreste von insgesamt 10 Frauen gefunden
Courtesy of Netflix

"Gone Girls" ist die mit Abstand schaurigste True-Crime-Veröffentlichung des Monats. Die Geschichte einer der schrecklichsten Mordserien der USA hält die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten in Atem, entsprechend viele Filme, Serien und Bücher gibt es bereits über den Fall. Die Netflix-Serie bietet einen detaillierten und teilweise recht expliziten Überblick über das Geschehen, beleuchtet die Ermittlungsarbeit der Polizei und schlüsselt auf, weshalb es so lange dauerte, dem mutmaßlichen Täter auf die Spur zu kommen.

Für wen lohnt es sich? Für die Fans von Hardcore-True-Crime-Storys wie "The Jinx", "Don't F**k With Cats" oder "The Staircase".

"Gone Girls: Der Serienmörder von Long Island", USA 2025, 3 Episoden à ca. 50-55 Minuten, Netflix

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