Aktien bis Klima
"Trump oder Harris: Bei US-Wahl geht's immer ums Geld"
... und zwar auch um unseres. Die Analyse von Geld-Profi Monika Rosen knapp vor den Wahlen in den USA: Was Trump und Harris planen, warum Wirtschaft das Top-Thema ist und welche Auswirkungen das Wahlergebnis auf Österreich hat.

Auch wenn die Europäer am 5. November nicht zu den Urnen gerufen sind, steht für sie bei den amerikanischen Präsidentschafts- und Kongresswahlen viel auf dem Spiel. Und das nicht nur in politischer, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Laut Zahlen des Außenministeriums sind die USA Österreichs zweitgrößte Exportdestination, nach Deutschland, aber noch vor Italien.
An den Aktienmärkten ist die Vormachtstellung der Wall Street ohnehin unbestritten, angesichts der Tatsache, dass über 60 Prozent eines Weltaktienindex auf die USA entfallen. Was sind also die wirtschaftspolitischen Standpunkte der beiden Kandidaten Kamala Harris und Donald Trump? Und was wäre eigentlich das Ergebnis, das die Wall Street bevorzugen würde? Das müssen Sie jetzt wissen:
Am 5. November wählen die Amerikaner was genau?
Auch wenn das Präsidentenamt die größte Aufmerksamkeit auf sich zieht, geht es bei der Wahl auch noch um weitere Entscheidungen. Das US-Parlament hat zwei Kammern, den Senat und das Repräsentantenhaus. Am 5. November wird über das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel der Sitze im Senat abgestimmt. Die Partei, die in diesen beiden Kammern die Mehrheit bekommt, hat großen Einfluss auf die Politik der USA und kann es dem Präsidenten schwer oder leicht machen, je nachdem.

Wie ist die Ausgangslage in den beiden Kammern?
Der Senat ist hauchdünn demokratisch, das Repräsentantenhaus knapp republikanisch. Das Repräsentantenhaus zählt 435 Abgeordnete, je einer oder eine pro Wahlbezirk, sie werden für zwei Jahre bestellt. Der Senat umfasst 100 Abgeordnete, je zwei pro Bundesstaat.
Im Senat sitzen 49 Republikaner und 47 Demokraten, die trotzdem die Mehrheit halten, weil die vier "Parteilosen" der demokratischen Fraktion zugerechnet werden. Im Repräsentantenhaus beträgt das Verhältnis 220 (Republikaner) zu 212 (Demokraten), drei Sitze sind derzeit unbesetzt (Rücktritt, Todesfälle).
Spielen wirtschaftliche Themen bei der Wahl überhaupt eine Rolle?
Absolut. In einer Gallup-Umfrage von Ende September sagten 90 Prozent der Befragten, dass die Wirtschaft extrem wichtig oder sehr wichtig für ihre Wahlentscheidung sei. Und mit dem Slogan "It’s the economy, stupid" (Es ist die Wirtschaft, du Dummkopf“) hat schon Bill Clinton 1992 die Wahl gewonnen …

Was sind die wichtigsten wirtschaftspolitischen Themen im US Wahlkampf?
Ganz oben auf der Liste stehen Steuern, Zölle (ein Steckenpferd von Trump), aber auch die Themen Energie und Regulierung. All das hat Einfluss auf die Inflation und damit indirekt auf die Geldpolitik der US-Notenbank. Und es stellt sich natürlich die Frage, wie die beiden Kandidaten ihre Programme finanzieren wollen. Denn Staatsverschuldung und Budgetdefizit der USA sind schon jetzt rekordverdächtig, und sie drohen weiter zu steigen.
Worin unterscheiden sich die Ansätze von Trump und Harris am deutlichsten?
J.P.Morgan hat die Programme verglichen. Trump will die Steuersenkungen, die er selbst 2017 eingeführt hat und die nächstes Jahr auslaufen, für alle Einkommensgruppen permanent machen. Harris will das nur für die unteren Einkommensschichten ermöglichen.
Bei der Gegenfinanzierung setzt Trump auf Zölle. Er möchte alle Importe (!) mit einem Zoll von 10 Prozent belegen, jene aus China mit 60 Prozent. An sich kann der Präsident die Zölle ohne Zustimmung des Kongresses festlegen. Verfassungsjuristen sind aber der Meinung, dass speziell der 10-prozentige Zoll auf alles schwer durchzusetzen sein würde.

Schüren diese vielen Vorhaben nicht die Inflation?
Das ist, neben der steigenden Staatsverschuldung, die große Gefahr dabei. Beide Kandidaten möchten eine Reihe von Maßnahmen umsetzen, die inflationär wirken. Die Zölle, die Trump einführen will, verteuern die Waren und schieben so die Inflation an. Harris will den Mindestlohn anheben, auch das würde die Teuerung begünstigen.
Und das hätte Auswirkungen auf die US Notenbank Fed?
Die Fed hält zwar ihre Unabhängigkeit immer sehr hoch. Sie müsste aber auf das Umfeld reagieren und könnte eventuell die Zinsen nicht so stark senken, wie der Markt das derzeit erwartet. Das wiederum könnte für die schon ambitioniert bewerteten Aktienmärkte irgendwann zum Problem werden.
Wenn die Zinsen nicht so stark sinken, wird doch auch der Schuldendienst immer teurer, oder?
Ja, darin sehen eine Reihe von Experten eine unterschätzte Gefahr. 2023 betrug das Budgetdefizit der USA bereits 6,3% vom BIP. Zum Vergleich: die Maastricht-Kriterien der EU würden nur ein Defizit von 3 Prozent erlauben.

Warum wird diese Gefahr unterschätzt?
Weil jedes andere Land der Welt mit so ungünstigen Budgetdaten an den Märkten abgestraft werden würde. Die Renditen würden steigen, die Währung käme unter Druck. Die USA verfügen mit dem Dollar aber über die weltweite Reservewährung. Ihr Markt für Staatsanleihen (Treasuries) ist der größte und liquideste der Welt. Deshalb hat man ihnen ihre Haushaltspolitik bis jetzt immer durchgehen lassen. Es gibt aber immer wieder Stimmen, die davor warnen, dass das nicht immer so bleiben müsse.
Und was passiert im Bereich Klimaschutz und Energiepolitik?
Da sind die Fronten relativ klar abgesteckt. Trump ist für fossile Energieträge, würde die Ölförderung weiter forcieren. Harris gilt als Befürworterin von Umweltschutz und erneuerbaren Energiequellen. Man muss aber gleichzeitig festhalten, dass auch Demokraten (Biden ist ein Paradebeispiel) nicht gegen die eigene Ölindustrie und die damit verbundenen Jobs agieren.

Und was machen die Aktienmärkte aus all dem?
An sich sagt man, politische Börsen haben kurze Beine. Im Wahlkampf 2024 könnte man sagen, bis jetzt haben sie gar keine Beine. Die Börse konzentriert sich stark auf die Fundamentaldaten, also auf Zinsen und Unternehmensgewinne. Das sind auch die Faktoren, die langfristig das Handelsgeschehen bestimmen.
Aber kurzfristig könnte es doch Schwankungen geben?
Natürlich. Im langfristigen Vergleich zeigt sich, dass die Volatilität an den Börsen in den Wochen vor der Wahl steigt. Wenn das Ergebnis dann vorliegt, kommen die Kurse üblicherweise wieder in ruhigeres Fahrwasser. Das ist auch das wichtigste Stichwort für die Wall Street: Hauptsache, es gibt ein eindeutiges Ergebnis. Denn der größte Feind der Aktienkurse ist Unsicherheit!
Monika Rosen war mehr als 20 Jahre bei einer heimischen Großbank tätig, ist Vizepräsidentin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft und gefragte Spezialistin rund um alle Geldthemen