Kopfnüsse
Wie lange soll dieses Kasperltheater eigentlich noch gehen?
Für einen "Volkskanzler" redet Herbert Kickl eigentlich recht selten zum Volk. Das merkwürdige Verhalten des FPÖ-Chefs, wie die Gespräche mit der ÖVP über eine Regierung diese Woche entgleisten. Und was das alles mit sündhaft teuren Garnelen zu tun hat.

Andere weilten in dieser Woche auf Skiurlaub in Kitzbühel oder Schruns-Tschagguns, um sich wie gewünscht Hals und Bein zu brechen. Ich fuhr auf Fisch ab, kostenmäßig kam es fast auf das Gleiche raus.
Warum auch immer, jedenfalls überkam mich am Dienstag eine unbändige Lust auf Meeresfrüchte. Vielleicht ist das was Genetisches, manchmal fällt der Aschermittwoch ja schon in den Februar. Diesmal nicht, aber meinem Körper war das offenbar nicht geläufig. Für ihn war schon am Dienstag Aschermittwoch. Sei's drum.
Mit KI-Stimme: Das Kasperltheater um die neue Regierung
Ich ging also in die Kärntner Straße, nicht in eine schicke Austernbar, sondern in die Filiale einer Kette, die heißt wie ein Meeresabschnitt. Dort erstand ich einen Becher Garnelen, er war nicht einmal ganz voll. Ich wusste nicht, dass Garnelen die neuen Austern sind, jedenfalls kostete der Becher 17,90 Euro.
Ich stand kurz davor, den Mann an der Theke darauf hinzuweisen, dass ich nicht seinen ganzen Laden kaufen wollte, sondern nur ein paar Garnelen, aber mir war die Luft weggeblieben.
Früher am Land hätte ich in so einem Fall die Gendarmerie gerufen, jetzt sagte ich zu mir: "Auch schon wurscht". Es ist schließlich nur zweimal im Jahr Aschermittwoch, also haust du heute dein Geld beim Fenster hinaus, ohne dass sich in der Kärntner Straße eine passende Gelegenheit dafür geboten hätte.

Es traf sich gut, dass sich in Rufweite eine der inzwischen inflationär auftretenden Lifestyle-Bäckereien befand. Ich gehe da alle heiligen Zeiten hin und versuche, ihr Wesen zu ergründen.
Ich habe nie ganz verstanden, warum Menschen für das halbe Vergnügen das Doppelte zahlen und das auch noch mit sichtbar viel Freude. Es ist in Österreich nicht nur so, dass hin und wieder Politiker überschätzt werden, sondern manchmal auch Lebensmittelverschleißer.
Jetzt schien wieder so ein Studientag für mich gekommen zu sein. Das Geld war schließlich schon abgeschafft.
Um meinen Garnelen Gesellschaft auf Augenhöhe zukommen zu lassen, kaufte ich beim Lifestyle-Bäcker zwei Semmeln, die dort natürlich nicht Semmeln heißen dürfen. Eher Lumpi oder Krusti oder Kasti, ich weiß das nicht mehr genau. Jedenfalls hob sie der coole Name auf ein ganz anderes Niveau. Die Teigware wurde geadelt, sie war nun "von Semmel".

Ich merkte das sofort, denn für Lumpi oder Krusti oder Kasti, war ich Luft. Sie schauten durch mich durch. Ich ließ noch eine Topfengolatsche dazupacken, sie war leider vorher auf einer F.X.-Mayr-Kur und hatte dort ziemlich abgenommen.
Ich muss zugeben, dass die zwei Nicht-Semmeln und der Golatschen-Hungerhaken hielten, was ich ausgabenseitig von ihnen erwartet hatte, sie kosteten nämlich 6,60 Euro. Mein Mittags-Snack, bestehend aus einem Becherchen Garnelen, zwei Semmeloiden und dem Topfen auf den heißen Stein, verschlang wohlfeile 24,50 Euro. Dafür hätte ich im Londoner in Kitzbühel schon fast zwei Negroni bekommen.
Die Lifestyle-Bäckerei war gut besucht, den Menschen machten die Preise anscheinend nichts aus. Sie verließen den Laden mit einem seligen Lächeln, so als wäre ihnen in der Yogastunde erstmals eine komplizierte Figur geglückt. Man kennt diesen Gesichtsausdruck aus der Werbung, wenn Betroffenen ihrem Stuhlgang mit Medikamenten nachhelfen und das Ergebnis ihre Erwartungen übererfüllt.

Einige, die in der Lifestyle-Bäckerei neben mir standen und auf ihr Lumpi oder Krusti oder Kasti warteten, trugen Helme. Mir fällt das in letzter Zeit immer häufiger auf. Wenn Menschen in der Stadt vom Fahrrad oder Lastenrad steigen, dann nehmen sie den Helm nicht mehr ab. Sie erledigen ihre gesamten Einkäufe mit Kopfschutz.
Vielleicht kommt das aus dem Unterbewusstsein. Sie haben Angst, dass Herbert Kickl Kanzler wird, oder ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, oder das eine das andere auslöst.
Die Spiritualität der Lifestyle-Bäckerei erschloss sich mir auch an diesem Tag nicht. Später nahm ich die Garnelen mit der gebotenen Andacht zu mir und gab den Semmeloiden eine faire Chance, aber wir stammen einfach aus unterschiedlichen Welten. Ich mutmaße, dass einem Lumpi oder Krusti oder Kasti nicht schmecken müssen, sondern dass man nur ganz fest glauben muss, dass sie super sind.
Im festen Glauben muss man sich sicher sein, dass der Bäcker liebevoll mit den Zutaten umgeht. Dass er mit jedem Weizenkorn vor der Schlachtung ein Aufklärungsgespräch führt. Dass er jeden Laib Brot so schwer ziehen lässt wie ein Brautvater seine Tochter. Nur so kann das funktionieren. Einkaufen in einer Lifestyle-Bäckerei ist wie ein Gottesdienst. Das Bezahlen kommt wie das Amen im Gebet.

Aber mit dem Glauben ist das in Österreich momentan so eine Sache. Jeden Tag erfahren wir aus den Verhandlungen über die neue Regierung dies und das. Ob dies und das stimmt, oder von FPÖ und ÖVP allein zu unserer Unterhaltung verbreitet wird, lässt sich selten klären. Man darf nicht außer Acht lassen, dass wir uns mitten im Fasching befinden.
Wir erfuhren zuletzt also, dass auf der Uni auch Englisch-Arbeiten in Zukunft nur mehr auf Deutsch abgefasst werden dürfen. Dass auf Autobahnen 150 km/h gefahren werden soll. Oder muss? Dass wir weiter eine Fahne haben dürfen, aber keine der EU auf Amtsgebäuden. Dass Kreuze in Schulklassen Pflicht werden, der Nikolo sowieso, was die Kirche freut.
Dass der Kirchenbeitrag nicht mehr steuerlich absetzbar sein soll, spielt dagegen eher dem Krampus in die Karten. Aber es ist eben so: Der Herrgott gibt, der Herrgott nimmt.
Ob über all diese Themen ernsthaft verhandelt wird, oder ob Herbert Kickl und Christian Stocker im Präsidialzimmer des Parlaments unter beidseitigem Gelächter aushecken, womit sie die Bevölkerung als nächstes erschrecken wollen, ist unklar. Vier Monate nach der Wahl haben FPÖ und ÖVP beschlossen, mit der Wählerschaft nicht mehr reden zu wollen. Waren wir undankbar?
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
Hin und wieder lassen uns Kickl oder Stocker über die sozialen Medien eine Nachricht zukommen, aber das ist alles. Es ist wie in einer WG, da klebt man sich auch Post-its auf den Kühlschrank. Auftritte vor Kameras oder Schreibblöcken gibt es nicht mehr. Der Bundespräsident ist auch keine große Hilfe, weil die anderen schweigen, zeigt er sich ebenfalls trotzig.
Bei der Angelobung der neuen burgenländischen Landesregierung, kommentierte Alexander Van der Bellen den Stand der Koalitionsgespräche mit einem bedeutungsvollen "mh". Aus diesem "mh" hätte sich für "Das Leben des Brian" ein wunderbarer Sketch zimmern lassen, aber leider leben wir nicht das Leben von Brian, sondern unser eigenes und da haben wir momentan genug Kreuze zu tragen.
Die ZiB 1 berichtete am Samstagabend, dass ihr 200 Seiten Gesprächs-Protokolle von den Verhandlungen in die Hände gefallen seien, die Aufzeichnungen sollen aus den letzten Tagen stammen. Danach will die FPÖ den Pandemievertrag der WHO nicht akzeptieren, aus der NATO-Partnerschaft für den Frieden aussteigen, das Asylrecht außer Kraft setzen, den Grundwehrdienst auf 10 Monate verlängern, die CO2-Bepreisung abschaffen und Schmerzensgeld für die Coronazeit auszahlen.
Die ÖVP will das meiste davon nicht, ist zu hören, aber die Volkspartei wollte in den vergangenen Monaten schon vieles nicht und war dann später trotzdem Feuer und Flamme dafür.
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Was jedenfalls gesagt werden kann: es steht "Spitz auf Knopf" und das seit Tagen. Und weil es "Spitz auf Knopf" steht, was immer das auch heißen mag, und die Zeit drängt, entschied man sich gegen Ende der Woche hin für das einzig Richtige: Pause!
Herbert Kickl stand am Wochenende vielleicht der Sinn nach Bergsteigen, oder er ließ die Berge zu sich kommen. Christian Stocker fuhr heim nach Wiener Neustadt, seinem Mar-a-Lago. Die Verhandlungen, die zwei Tage geruht hatten, nahmen sich zwei weitere Tage Zeitausgleich.
Zeit mag anderswo ein kostbares Gut sein, für uns ist sie eine unerschöpfliche Ressource. Vielleicht war es weise, die Legislaturperiode von vier auf fünf Jahre zu verlängern. So hat man ein Jahr Zeit zum Aufwärmen.
Das aktuelle Aufwärm-Programm stand am Dienstabend das erste Mal Spitz auf Knopf. Da kam das wichtigste Thema auf den Tisch, es ging um das eigene Fortkommen oder Vorkommen. Die FPÖ offenbarte ihre Wünsche, wie die Macht im Staat verteilt werden müsste. Kurz gefasst sollten alle relevanten Ministerien an die Freiheitlichen gehen, die relevantesten der Einfachheit halber gleich direkt an Herbert Kickl.
Das wollte die Volkspartei weniger und irgendwer stand dann auf und ging. Wer das gewesen sein soll, ist offenbar eine Deutungsfrage. Kickl? Stocker? Beide? Keiner? Wer anderer, weil er aufs Klo musste? Auch, ob es sich bei diesem Aufstehen überhaupt um ein Aufstehen im klassischen Sinn handelte, wurde unterschiedlich interpretiert.
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Als einige Medien von einem Stopp der Verhandlungen schrieben, nannte Kickl das eine "Ente". Vielleicht wollte er auch "Ende" schreiben. Wie auch immer, jedenfalls hielten die Enten in der Folge auf beiden Seiten des Teichs zwei Tage lang den Schnabel.
Statt miteinander zu reden, tauschten FPÖ und ÖVP über die sozialen Medien Schriftstücke aus, oder erzählten von Angeboten, die sie dem jeweils anderen gemacht hatten, woran sich der jeweils andere aber nicht mehr erinnern konnte. Die Wählerschaft war wieder nur Zuschauer, mir ihr wollte immer noch niemand in Kontakt treten.
Es war ein bisschen wie früher in der Sandkiste, man plärrte sich an, weil der eine den Bagger vom anderen wollte. In Österreich wuchs der Wunsch nach einer Regierung dieses Zuschnitts ins beinahe Unermessliche.
Dann schaltete sich Alexander "mh" der Bellen ein. Er bat die Sandkastenbuben zu sich, redete mit ihnen, worüber erfuhren wir auch diesmal nicht. Bis aufs Kreuzerlmachen alle paar Jahre haben wir politisch eigentlich recht wenig zu plaudern.
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Der Bundespräsident muss zu den Streithansln aber etwas Wichtiges gesagt haben, denn schon am Freitag trafen sich Kickl und Stocker erneut. Nicht lange zwar, aber immerhin. Nach einer Dreiviertelstunde überkam beide der Hunger, man zog sich in die Mittagspause zurück, an die nahtlos das Wochenende anschloss. "Beamtenabgang" heißt das, glaube ich, was Kickl und Stocker da veranstalteten.
Da stehen wir nun also. Die ÖVP bot der FPÖ großzügig am Samstag dann noch das Finanzministerium an, das sie sowieso nie bekommen hätte, aber sonst scheint eine Regierung recht weit entfernt zu sein.
Ich habe mir das, in aller Offenheit gesagt, gänzlich anders erwartet. Ich hatte mir gedacht, dass Kickl die für ihn historische Chance zügig nutzt. Jetzt erweckt er den Anschein, als würde er absichtlich immer mehr Bedingungen auftürmen, um ja keine Regierung bilden zu müssen. Oder hat er sich ein bisschen zu viel in Trump verliebt?
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Dabei haben FPÖ und ÖVP das heikelste Thema noch nicht einmal angefasst: Wer geht heuer eigentlich auf den Opernball? Es pressiert nämlich, der ist schon in zweieinhalb Wochen.
Hält Alexander Schallenberg als Kanzler in der Regierungsloge Hof oder doch schon Herbert Kickl und wird der FPÖ-Vorsitzende gar der neue Richard Lugner? Die Rolle wäre vakant.
Nimmt Kickl vielleicht Christian Stocker als Vizekanzler mit oder tritt der ÖVP-Buddha noch als Vizebürgermeister von Wiener Neustadt auf? Fährt er dann mit der Vespa vor? Hat Stocker einen Frack, oder muss er sich aus den jetzt nutzlosen EU-Fahnen erst einen schneidern lassen? Darf man mit einer Glatze überhaupt in die Regierungsloge? Und ist eine Mitternachtseinlage mit der Landeshauptfrau obligat?
Lassen sich Alexander Schallenberg oder Christian Stocker eventuell von Karl Nehammer vertreten, der noch bis vor Kurzem Kanzler war und jetzt viel Tagesfreizeit hat, auch in der Nacht? Oder macht das schon Sebastian Kurz, der die ÖVP wieder übernehmen will? Das, was halt noch von ihr übrig ist.

Diese Fragen sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn gemessen an den Regierungs-Verhandlungen ist der Opernball momentan die ernsthafteste politische Veranstaltung des Landes. Sagen wir als Mauerblümchen, die derzeit keine politische Partei zum Tanz auffordert.
Vielleicht brauchen wir aber auch nicht wirklich eine Regierung, ein Nebenerwerbs-Kanzler reicht. Seit Schallenberg seinen Zweitwohnsitz im Kreiskyzimmer bezogen hat, sind wir plötzlich wieder eine Skination. Bei der WM in Saalbach gewinnen wir Medaillen, mit denen niemand gerechnet hat.
Es beweist sich einmal mehr: Am stärksten sind wir immer, wenn wir in Ereignisse hineinstolpern. Das macht Hoffnung für die Bildung einer neuen Regierung. Die könnte dann die Garnelen wieder billiger machen.
Ich wünsche einen goldigen Sonntag. Bis in einer kleinen Weile!